Der Körper als experimenteller Ort der Extreme in Terézia Moras Der einzige Mann auf dem Kontinent
TRANSIT vol. 15, no. 1
by Roxana Lisaru
Einleitung
Mit Blick auf ihren ersten Roman der Darius Kopp-Trilogie Der einzige Mann auf dem Kontinent (2009) betont Terézia Mora in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen Nicht sterben (2014), dass sie versucht sei, die „nicht physischen auftretenden Gewalten von Systemen“ in den Mittelpunkt zu rücken.1 Dabei handelt es sich um die Auswirkungen der technisch gesteuerten globalen Entwicklungen und der kapitalistischen Arbeitsökonomie auf die Realität und die Kommunikation. Durch die Thematisierung der globalökonomischen Umbrüche nach der Wende und deren prekäre Auswirkungen lässt sich Moras Kopps-Trilogie, in literarische Kontexte wie Migration und Mobilität, Trauma oder postsozialistische Erinnerung einordnen.2 In Der einzige Mann auf dem Kontinent (2009) wird die postsozialistische Erinnerung an Darius Kopps DDR-Erfahrung und Floras Flucht aus dem ungarischen sozialistischen Umfeld gekoppelt. Der Beginn der tiefgreifenden politischen, ökonomischen und sozialen Transformation nach der Wende ist für Darius Kopp mit einem Drang nach Exzess und Optimismus verbunden, wohingegen Floras traumatische Vergangenheit durch die anhaltende soziale Prekarität zusätzlich verschärft wird.
Die narrative Auseinandersetzung mit Arbeitswelt in der New Economy und deren Kehrseite, der Arbeitslosigkeit, rückt in Der einzige Mann auf dem Kontinent (2009) dabei in den Fokus. Angesichts dessen erscheint die Konstruktion von Subjektivität im Zeichen des neoliberalen Arbeitsmarkts als ein Prozess, in dem – mit Aihwa Ong gesprochen – Individuen zu „self-managing and self-enterprising individuals“ geformt werden, zu einem homo economicus, der sich selbst reguliert und marktförmig optimiert.3 Nichtsdestotrotz zeigt sich im Roman, dass die Autonomie des Subjekts nicht nur durch institutionelle und diskursive Machtmechanismen, sondern auch durch materielle Bedingungen eingeschränkt wird. Vor dem Hintergrund dieser Relationalität rückt dieser Beitrag die gesellschaftskritische Dimension jener diskursiven und nicht-diskursiven Faktoren in den Fokus, die eng mit der Konstruktion der Körpermaterialität verknüpft sind. Der Körper wird dabei als experimenteller Raum verstanden – als Schnittstelle zwischen den Extrempolen von Realität und Virtualität, Beschleunigung und Stagnation im Kontext des neoliberalen Kapitalismus sowie zwischen Innerem und Äußerem. In diesem Spannungsfeld treten – in Anlehnung an Aihwa Ongs Konzept des „neoliberalism as exception“ – die inneren Widersprüche des neoliberalen Kapitalismus deutlich zutage, insbesondere in postsozialistischen Gesellschaften.4 Diese Brüche manifestieren sich im Roman in sozialen Phänomenen wie Arbeitslosigkeit, finanzieller Prekarität und sozialer Exklusion, die auf den Körper als Austragungsort politischer und ökonomischer Zumutungen zurückwirken. Die Koppelung der Materialität des Körpers an Migration, Technologie und globale Wirtschaftsökonomie lässt somit die Prekarität der neoliberalen Gesellschaftsstrukturen und den Umgang mit den kulturellen Differenzen deutlich hervortreten. Durch Kopps manische Verfolgung der in der Wendezeit entfalteten Fantasien eines „good life“, durch die Bewegungen zwischen virtuellen und nicht-virtuellen Räumen sowie durch Floras depressive Disposition entsteht das Bild des Inkohärenten, das im Roman an den Darstellungen alltäglicher Krisenerfahrungen festgemacht wird.5 Hier wird die Poetik des Extremen durch die Darstellung einer prekären Körperlichkeit konfiguriert, die sich durch Oszillationen zwischen biologischer Hyperaktivität, Manie, affektiver Erschöpfung, Immobilität und Vulnerabilität auszeichnet.6
Im Theoriefeld von New Materialism spielt Körperlichkeit eine maßgebliche Rolle für die Entwicklung eines postmodernen relationalen Subjekts, das im Kontext der technologisch gesteuerten globalen Kräftefelder entsteht.7 Die Materialität des Körpers ist in diesem Zusammenhang mit Judith Butler als performativ und relational zu verstehen. Sie bezeichnet die Relationalität als die „dependency on infrastructural conditions and legacies of discourse and institutional power that precede and condition our existence”.8 Im Zuge der feministischen Entwicklung des New Materialism gewann die Frage nach der Verflechtung von diskursiven und materiellen Interaktionen im Hinblick auf die Materialität des Körpers zunehmend an Bedeutung. Anbetracht dessen betont Karen Barad, eine zentrale Vertreterin dieser Entwicklung, dass sich Judith Butlers Performativitätstheorie primär auf die Diskursebene der Körperpraktiken stützt.9 Im Gegensatz zu Butler berücksichtigt Barads Perfomativitätstheorie
„important material and the discursive, social and scientific, human and nonhuman, natural and cultural factors”, die in der Produktion der Materialität des Körpers miteinander interagieren.10 Dementsprechend untersucht dieser Beitrag die Körperdarstellungen unter Vorzeichen der Interaktionen der diskursiven, materiellen, biologischen und technologischen Faktoren.
Körperlichkeit und Technologie
Im Roman wird das Verhältnis von Körper und technischen Dispositiven exemplarisch an der Figur des IT-Spezialisten Darius Kopp veranschaulicht, der bei Fidelis Wireless, einem US-amerikanischen Unternehmen für drahtlose Kommunikationsnetzwerke, für den Bereich Mittel-und Zentraleuropa verantwortlich ist. Darius Kopps Realität ist an die Kanäle und Medien gebunden, die-wie McLuhan in Understanding Media (2001) dargelegt hat- den Eindruck erwecken, dass er Teil eines „global network“ ist.11 In Anbetracht dessen reflektiert Terézia Mora in Der geheime Text (2016), dass Darius Kopp ohne die „technischen Erweiterungen“ der Medien „überhaupt nicht denkbar wäre“.12 Moras Beschreibung von Darius Kopps Lebensweise mittels der Analogie „halb Körper, halb Datenpaket“ lässt sich im Anschluss an McLuhans Medientheorie begreifen, der zufolge Kommunikations- und Informationstechnologien eine Erweiterung des menschlichen Nervensystems darstellen.13 Aus posthumanistischer Perspektive hingegen erscheint das Subjekt nicht als bloße Erweiterung, sondern als Duplikat der digitalen Kommunikationsstrukturen.14 Diese Verschiebung hat weitreichende Konsequenzen für die Wahrnehmungswelt des Protagonisten: Durch seine ständige Einbindung in den digitalen Datenstrom wirkt seine Wahrnehmung zunehmend fragmentiert, desynchronisiert und entkoppelt von der physischen Umwelt. Zahlreiche Darstellungen von Störungen und Unterbrechungen in Darius Kopps Arbeitswelt lenken den Fokus auf eine tiefgreifende zeitliche Fragmentierung seines Alltags. An seinem Arbeitsplatz verrichtet er keine produktive Arbeit, sondern trinkt Cappuccino oder beobachtet PassantInnen aus dem Fenster. Erst nach etwa zehn Minuten wendet er sich seinem Laptop zu, öffnet das E-Mail-Programm – nur um schließlich feststellen zu müssen, dass er zwei Stunden mit dem ziellosen Lesen irrelevanter Nachrichten vertan hat.15
Über die dargestellten Störungen hinaus offenbart sich, wie Darius Kopps Umgang mit technologischen Dispositiven und virtuellen Medien eine labyrinthische Zeitstruktur erzeugt. Dies verdeutlicht insbesondere die zahlreichen Versuche Darius Kopps, die Vorgesetzen in London und in Kalifornien zu erreichen. In einem Brief von Sascha Michaelides wird Darius Kopp darüber informiert, dass der Grieche für ihn einen Anteil von 40 000 Euro aus dem Armenien-Geschäft bekommen hat.16 Diese Entwicklung stellt den Dreh-und Angelpunkt für die Irrfahrt Darius Kopps im „informationstechnischen Nirwana“.17 Das technische Nirwana ist im Roman mit der illusorischen Vorstellung einer unmittelbarer Vernetztheit und einer transparenten Zugänglichkeit verbunden. Daran lässt sich die Szene der Zugfahrt anschließen, die aufgrund eines Lokschadens verzögert wird. Während der Zugfahrt versucht Darius Kopp mehrfach, Kontakt zu seinen Vorgesetzten aufzunehmen:
Ich habe mein Gedächtnis verloren. Nein, das ist etwas anderes. Die Orientierung. Der Mensch hat eine angeborene Fähigkeit, sich in komplexen Situationen zurechtzufinden, Multitasking. Und so weiter, aber es reicht schon eine Winzigkeit, zum Beispiel, dass er ums Verrecken nicht dort anrufen kann, wo er anrufen möchte, und schon weiß er nicht mehr, wer, wo, wie, was, wann? Ach, leckt doch alle mal am…ihr elenden…Mist…Fotzen…Dreck…[…].18
In der Passage wird die Orientierungslosigkeit als „Umstülpung der Wahrnehmungsverhältnisse“durch die technischen Mechanismen geschildert.19 Gleichzeitig erschließt sich aus der derangierten Wahrnehmung die beschränkte Handlungsfähigkeit des Protagonisten. So kann sich Darius Kopp auf seine Aufgaben kaum konzentrieren, da Störungen von außen in seinen Alltag kontinuierlich eindringen. Ständig versucht er eine „Reihenfolge“ in seiner Arbeitswelt herzustellen, doch diese wird durch solche technischen Störungen durcheinandergebracht.20
Die Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit von Darius Kopp zeigen sich nicht nur in der technisch gestreuten Arbeitswelt, sondern auch in den Alltagsangelegenheiten. Hierfür ist die Hemdsszene bezeichnend, in der er kaum im Stande zu sein scheint, ein passendes Hemd für die Arbeit zu finden. Bei seiner verzweifelten Suche nach Flora, die ihm beim Anziehen helfen soll, fällt er auf das Steißbein und gerät außer Atmen.21 Darius Kopp verheddert sich in banalen Alltagssituationen, die aus dem technisch gesteuerten Zeitdruck der Gegenwart resultieren. Seine Immobilität wird dabei über die materielle Wahrnehmung des Körpers – insbesondere durch dessen Darstellung als „dick“ – sichtbar gemacht. Selbst scheinbar alltägliche Handlungen wie das Anziehen geraten so zum Ausdruck einer tiefgreifenden Erschöpfung. Im Sinne Lauren Berlants lässt sich dieser Zustand als eine „crisis of ordinariness“ verstehen, in der das Gewöhnliche selbst zur Zumutung wird.22 Eine solche krisenhafte Alltäglichkeit beschreibt auch Terézia Mora in ihrer Poetikvorlesung als ein „Gewebe des Alltäglichen“, in das „extrem[e] Momente“ eingebettet werden.23 Diese nehmen im Roman die Form einer Zerfaserung der linearen Abwicklung von Ereignissen an. Die Fragmentierung des Alltags wird demzufolge als ein realistischer Effekt des modernen Kapitalismus offengelegt, der durch den ökonomischen Imperativ der Beschleunigung die Bedürfnisse des Individuums modelliert. Darius Kopp verkörpert dabei den Inbegriff von Faulheit und Trägheit, die als paradoxe Effekte beschleunigter Arbeitstechniken zu verstehen sind.24 Die Ablenkung von der Arbeit und die damit einhergehende Trägheit stehen im Widerspruch zu den Prinzipien des homo oeconomicus, der nicht zur Arbeit gezwungen werden muss, da er die Prinzipien von Selbstdisziplin und Selbststeuerung bereits verinnerlicht haben soll. Dass Kopps Sinneswahrnehmung durch die extremen Gegensätze zwischen Beschleunigung und Verlangsamung geprägt ist, lässt sich an der Szene über die Rückfahrt in die Stadt ablesen. Nachdem er sich im Wald Vorwürfe über die „Nutzbarkeit/Nicht-Nutzbarkeit“ des Tages gemacht hat, wird er in der Stadt erneut in einen affektiv beschleunigten Sinnmodus zurückversetzt:25
Ich weiß auch nicht. Es ist dazu gekommen, so viel kann man sagen. So, wie die erste Hälfte des Tages zu viel Zeit beinhaltete, schien es in der zweiten Hälfte zu wenig davon zu geben. In dem Moment, da sie die Stadt erreicht haben, nahm eine Beschleunigung ihren Lauf, gegen die Kopp ebenso wenig ankam wie zuvor gegen die aufgezwungene Langsamkeit.26
Die Rückkehr vom Land in die Stadt verstärkt die Illusion von Produktivität und Arbeit. Der beschleunigte Arbeitsmodus bringt Abweichungen und Irritationen hervor, die sich sowohl auf technische Mechanismen als auch auf das private Leben auswirken. Dass Berlin in der entsprechenden Passage nicht explizit genannt wird, verweist auf die Austauschbarkeit dieser Erfahrung von Beschleunigung. In diesem Zusammenhang bezeichnet Erika Hammer die Bewegungen des Protagonisten zwischen Stadt und Land sowie durch digitale Medien als Transiträume bzw. als „Nicht-Orte“, da sie keine Orientierung oder Identifikation ermöglichen.27 Die Szene der Irrfahrt im Wald gilt in diesem Zusammenhang als Chiffre für die Orientierungslosigkeit des Protagonisten, die als Folge der Missverständnisse zwischen ihm und seiner Frau entladen wird. Während eines Telefonats missversteht er die Nachricht seiner Frau, die ihm mitteilt, dass sie nach Hause geht. Daraufhin fährt er zunächst zu einem Biergarten und verirrt sich anschließend im Wald. Um sich „vom frustrierenden Hier-und-Jetzt abzulenken“, denkt er an „Land und Leute, Bill und die Brüder Bedrossian, Hühnerfleischsandwichs (der Hunger!) und frisch gepressten Orangensaft und über Geld in einem Karton […]“.28 In der Abkoppelung von den technischen Dispositiven und dem Datenstrom zeigt sich die Unfähigkeit des Protagonisten, in der Gegenwart zu handeln bzw. sich als autonomes Subjekt zu präsentieren. Die Frustration des Protagonisten verbirgt – mit Lauren Berlant gesprochen – das „overwhelming ordinary“, eine Überforderung durch die Realität, die sich in den Herausforderungen der Arbeitswelt und im akuten psychischen Zustand seiner Frau manifestiert.29
Die Konstruktion der Realität resultiert bei Darius Kopp aus den Nachrichten, die er alltäglich liest. Newsletter, Zwischentitel, Werbeanzeigen, Online-Artikeln werden häufig in Business-Englisch in die realistische Textur des Romans inseriert, in dem ökonomische und globale Zusammenhänge beschrieben werden. Das Vokabular der Finanzwelt führt zur Entfaltung einer realistischen „Börsensprache“, die zugleich Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs gefunden hat.30 Zwischen Anrufen, E-Mails und Meetings muss Darius Kopp ins Netz gehen:
Wie öffnen die Börsen?
Die Übernahme von Fannie und Freddie hat ein wenig Erleichterung gebracht, aber im Wochenausblick erwartet man insgesamt eine Woche ohne große Euphorie?
Exilepark freut sich über einen Chef? Hier, seine Telefon-und Faxnummer sowie seine E-Mail-Adresse, falls Sie ihm schreiben wollen. „Lieber Klaus, gratuliere zur Beförderung“?
Daimler im Visier der Hedgefonds?
Ölpreis steigt um 2. Dollar. Die Scheichs weisen jede Verantwortung von sich? Die Spekulanten sind schuld?
Nicht die Spekulanten sind Schuld am Anstieg der Lebensmittelpreise, sondern verfehlter Klimaschutz und zu viel Fleisch. […]
Verlasse News-Seite, minimiere Browser, öffne Mailbox.31
Aus der Passage lässt sich zudem die Auswirkung des simultanen Gebrauchs von Unterhaltungs-und Kommunikationsmedien auf die Wirklichkeitserfahrung erschließen. Der simultane mediale Gebrauch versetzt Darius Kopp in eine Hyperrealität, die-wie Alex Goody (2011) in Anlehnung an Jean Baudrillard hervorhebt- als „a delirium of communication“ aufgefasst werden kann.32 Die Tendenz, ins Netz zu gehen, entspringt nicht nur dem Bedürfnis, über die globale Welt informiert zu sein, sondern offenbart auch sein vernachlässigendes Verhalten seiner Frau gegenüber. Im Rahmen der technisch gesteuerten Arbeitswelt kommt zugleich die Entfremdung des Subjekts zum Ausdruck. Eine zunehmende
„Einsamkeit“ empfindet Darius Kopp in Folge der gescheiterten Versuche, Kontakt zu seinen Vorgesetzen und zu seinen alten Geschäftsfreunden herzustellen sowie die Bargeld-Affäre zu erledigen.33 Darüber hinaus trägt die Darstellung der Gefühle von Einsamkeit, Traurigkeit und Scham zur Aufdeckung der sozialen Differenzen in der kapitalistischen deutschen Gesellschaft bei.34 Diese Gefühle werden durch den Besuch bei seiner Mutter hervorgebracht, die ins Krankenhaus infolge eines falschen Alarms gebracht werden musste. Es stellt sich heraus, dass sie von einer Amputation des Oberschenkels nur geträumt hat. Die Diskussionen mit seiner Mutter und seiner Schwester Marlene, die ihn in den „höchsten Ärger“ versetzen, entlarven nicht nur das entfremdende Verhältnis zu ihnen, sondern auch das unterschwellige Schamgefühl gegenüber einer Auseinandersetzung mit seiner sozialistischen „Vergangenheit“.35 Die Distanzierung von seiner Vergangenheit – „[D]ieses Leben ist vorbei“ – wirft die Frage nach dem Fortbestehen sozialer Differenzen nach der Wende auf.36 Die Darstellung der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse offenbaren im Roman die sozialen Machtdynamiken, denen Darius Kopp aufgrund seiner ostdeutschen „Herkunft“ unterworfen ist.37 Die Beziehung zu seinen Vorgesetzten steht im Zeichen der Subalternität, die sich aus dem Gespräch mit seinem besten Freund Juri ergibt. In der Diskussion verweist Darius Kopp auf seine Zuteilung zum osteuropäischen Markt, die er als Folge seiner ostdeutschen Herkunft andeutet: „Erstens hast du die miesen Märkte und er die guten. Und zweitens wird der Deutsche und der Ossi niemals Chef. Und du bist, soweit ich weiß, beides“.38 Darius Kopps Machtposition wird in der Szene durch seinen Chef in London, Anthony Mills, infrage gestellt, der ihn am Telefon rüde behandelt. Die Übernahme des osteuropäischen Bereichs als Ostdeutscher entlarvt die sozialen Fremdzuschreibungen, die durch den Vergleich mit Gott und durch die Erkenntnis, dass er nicht „der einzige Mann auf dem Kontinent“ sei, zugleich einen humorvollen Effekt erzeugen.39
Ökonomisierte Affekte
Wie bereits angedeutet, wird der körperlichen Materialität eine „falsch[e] Effizienz“ entgegengesetzt, wie sie die technologisch gesteuerte Arbeitswelt dominiert.40 Darius erfüllt anstelle von Arbeit seine biologischen Bedürfnisse, indem er im Internet browst oder telefoniert. Biologische Reaktionen wie Essen und Trinken fungieren dabei als affektive Unterbrechungen, in denen die Materialität des Körpers auf disruptive Weise sichtbar wird. In diesem Zusammenhang lassen sich Darius’ exzessiver Hunger, seine daraus resultierenden Wutausbrüche und Konzentrationsverluste mit Sarah Ahmed als ökonomisierte affektive Zustände verstehen.41 Aus Sicht des New Materialism entstehen Affekte, wie Sara Ahmed betont, durch materielle Verflechtungen, wodurch sie den Effekt der Oberflächen oder Grenzen von Körpern selbst hervorbringen.42 Moras literarisches Experiment liegt darin, nicht nur die soziale und politische, sondern auch die psychische Dimension extremer Affekte darzustellen, die sich zwischen Darius Kopps Zukunftsoptimismus sowie Floras Zukunftsängste entfalten. In diesem Abschnitt werden nicht die Verfahren der Konstruktion eines depressiven Subjekts, sondern die Verflechtungen zwischen Affekt, Körper und Ökonomie beleuchtet.
Die Gegensätzlichkeit der Affekte spiegelt sich zudem in der Darstellung der oppositionellen Charakterbilder wider, die sich – „äußerlich wie innerlich wie von den Interessen her – sie musisch, er technisch, auch politisch […]“ – voneinander unterscheiden.43 Aus der fokalisierten Perspektive Darius Kopps lässt sich zudem ableiten, dass weder die Meinungsverschiedenheit noch der unterschiedliche Charakter einen Einfluss auf ihr zukünftiges Beziehungsleben haben soll.44 Es zeigt sich allerdings, dass Darius Kopps Zukunftsoptimismus stark von den kapitalistischen Anforderungen der Konsumkultur geprägt ist.
Darius Kopps Befangenheit in einer fiktiven „internationale[n] Realität“ wird im Roman Floras romantisch konnotiertem Rückzug in die Natur gegenübergestellt.45 Durch diese Gegenüberstellung wird der differenzierte Umgang mit der kapitalistischen Konsumgesellschaft deutlich. Floras Kritik an der neoliberalen Konsumgesellschaft offenbart sich in einem Dialog zwischen ihr und Darius, der -möglicherweise real oder imaginär- durch den Protagonisten fokalisiert wird. Die Erzählungsebene wird zudem durch den Wechsel zwischen auktorialer und Ich-Perspektive bereichert:
(Lass mich das jetzt nicht wieder vorrechnen. Wie vor längerer Zeit eines Abends geduldig und sanft, als würde sie bei den Hausaufgaben helfen. Schau mal: das sind unsere Kosten für den Kredit, das Wohnen, das Auto, Krankheit, Hausrat, Hauspflicht, Berufsfähigkeit, Tod, Kommunikation, Essen, Trinken, Hygiene, Kleidung, Bildung, Transport, Sonstiges, und schau, da sind unsere Einnahmen […]. Das Problem ist nicht, was wir einnehmen, sondern, dass du dich so verhältst, als wäre es das Doppelte. Verstehst du? Nicht die absoluten Zahlen, sondern das Festhalten an einer Lebensweise, die…Braucht man wirklich von allem nur das Teuerste?46
Die Schilderung verweist auf den Streit zwischen Flora und Darius, der mit letzter Kraft versucht, sie mit einem Urlaubsvorschlag davon abzuhalten, ihn zu verlassen. Flora reagiert fassungslos auf den Urlaubsvorschlag, da dieser exemplarisch für Darius‘ Umgang mit Krisensituationen steht. Das Festhalten an der konsumorientierten Lebensweise spiegelt sich in Darius Kopps Tendenz wider, mehr auszugeben, als das Paar verdient. Floras Kritik entlarvt – im Sinne Lauren Berlants – Kopps Bindung an die Vorstellung des „good life“ als lebensbestimmende Fantasie.47 Gleichzeitig verdeutlichen zahlreichen Essszenen in Restaurants, Bars oder am Arbeitsplatz den unstillbaren Appetit des Protagonisten, der als Ausdruck der Konsumkultur verstanden werden kann. Analog nehmen die Essszenen durch die Darstellung des exzessiven Hungers eine groteske Dimension an. Daran lässt sich exemplarisch die Szene der Geburtstagsfeier des MS-kranken Mitglieds Rolf anknüpfen, bei der Darius und seine Freunde (Muck, Juri, Potthoff, Halldor) ein Spanferkel bestellen:
Die Männer legten das Ferkel auf den marmornen Sofatisch unter ihm gerüschtes Papier, die die Frau fand für den Topf mit Sauerkraut keinen Platz, es half ihr auch keiner, man lachte zu sehr. Spanferkel gerüscht, auf Sofatisch, in schwarzer Ledersitzecke. Juri behauptet, auf der Stelle zu sterben. […] Rolf brachte die Lieferanten zur Tür, Muck den Topf in die Küche, die anderen tanzten um das Ferkel herum, bewunderten es von allen Seiten.48
Während des Essens wird die westliche Ausdehnung der technologischen Hilfe auf Afrika zum Gegenstand der Diskussion. Daraus kristallisieren sich zwei Positionen, durch die entweder die Mitwirkung des Westens an der „Unterdrückung der dritten Welt“ oder die positive Entwicklung durch die technologischen Errungenschaften hervorgehoben wird.49 So vertritt Muck die Ansicht, dass man in Afrika durch den Aufbau von technologischen Mechanismen wie Satelliten, Webcams, Gratis-Wlan, „der Unwissenheit ein Ende bereiten, die Kriminalität, Lichts ins Dunkel, freien Zugang zu unendlichen Möglichkeiten für jedermann schaffen“ würde.50 Der Kontrast zwischen der grotesken Darstellung des Essverhaltens und der Thematisierung der technologischen Auswirkungen des Westens auf außereuropäische Länder offenbart die westlich-kapitalistische Vorstellung einer linearen Fortschrittsentwicklung.51 Die westliche Annahme über die zugeschriebene Rückständigkeit nicht-westlicher Kulturen wird im Roman durch Potthoffs Bericht über seine Reise in ein ungenanntes afrikanisches Land exponiert. Darius Kopps Freund fesselt die Aufmerksamkeit der Zuhörer insbesondere durch die Erzählungen über die „wild[e] Schönheit Afrikas“, die Analphabetenquote von 70%, „die schwarzen Frauen“, deren Brüste wie „Granatäpfel“ aussehen, und schwarze Magie.52
Als Alternative zum Konsumismus stellt der Roman die ökologische Lebensorientierung dar, die durch Darius Kopps sarkastische Formulierung „gottverdammmte Ökoromantiker“ auf den Punkt gebracht wird.53 Vor dem Horizont der beiden Alternativen drängt sich die Frage auf, ob es möglich ist, „aus der Technologiegesellschaft zurück[zu]ziehen“.54 Während Darius Kopp sich dezidiert äußert, dass es durchaus unmöglich sei, lässt sich aus dem Gespräch mit ihm, Gaby und Flora während des Wochenendes im Wald keine eindeutig definierte Position seitens Flora ableiten. Floras nicht verbalisierte Position bezüglich der ökologisch (Gaby) und technologisch orientierten (Kopp) Lebensweisen unterstreicht die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen, die in der Dynamik neoliberaler Markt- und Gesellschaftsstrukturen verankert sind. Daher bringt Paul Buchholz den Umgang des Romans mit Ökologie mit zwei Tendenzen in Zusammenhang, die sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Literatur abzeichnen: „science-fiction catastrophism qua civilization critique, and the satirical dismissal of ecological counterculture”.55
Im Zusammenhang mit Floras nicht verbalisierter Position den durch Gaby und Darius vertreten Alternativen gegenüber steht die verklärte Darstellung des Paares, das seine Liebesidylle abseits der Stadt zu erleben scheint. Im Kapitel „Samstag“ heißt es, dass nach der polemischen Diskussion zwischen Gaby und Darius Kopp einerseits und Flora und Darius aufgrund seiner Abhängigkeit vom Datenstrom andererseits „dann tatsächlich so etwas wie paradiesische Ruhe ein[kehrte]. Ein Mann, eine Frau, in einem Garten“.56 Die Arbeit im Garten, das Lesen sowie der gemeinsame Ausflug zum See machen Flora glücklich, während Darius Kopp versucht, die sich von den Gedanken an die Arbeit und die Geld-Affäre abzuschalten und die Momente mit Flora zu genießen. Die Inszenierung einer ökoromantischen Idylle offenbart hier das Spannungsfeld zwischen Traum und Realität. Flora erzählt Darius Kopp von ihren Träumen, von denen sie müde erwacht, ohne sich an deren Inhalt erinnern zu können.57 Floras Müdigkeit und innerer Druck – den sie als „[v]erdammte innere Uhr“ beschreibt – werden wiederum durch die Perspektive Darius Kopps zwischen Realität und Traum verortet.58 Obwohl Flora während des Wochenendes im Wald nicht arbeiten muss, hat sie die rasante Arbeitsroutine derart tief verinnerlicht, dass ihr Schlafrhythmus völlig durcheinandergeraten ist. Nach fast durchgehend acht Wochen im ständigen Wechsel zwischen Tag- und Nachtschichten fällt es ihr zunehmend schwer, ihren Schlaf wieder an ihre biologische Uhr anzupassen. Dadurch verschwimmen nicht nur die Grenzen zwischen Nacht und Tag, sondern auch zwischen Realität und Traum. Die Grenzverwischung rückt Floras Zukunftsängste in den Vordergrund – die sich später auch in ihrem Zweifel an den eigenen Talenten manifestieren.59
Darüber hinaus werfen sowohl Floras Zukunftsängste als auch Darius Kopps Zukunftsoptimismus die Frage nach der sozialen Unsicherheit in der neoliberalen Gesellschaft auf. Floras Rückzug in den Wald, der infolge der Fehlgeburt erfolgt, kann als Widerstandstrategie gegen die patriarchalischen Strukturen der neoliberalen Gesellschaft interpretiert werden. Die strukturelle Verbindung zwischen der Unterdrückung von Frauen und der ökonomischen Ausbeutung lässt sich aus der ökofeministischen Perspektive beleuchten.[60] Wie zu Beginn des Romans sind beide am Ende des Romans als arbeitslos dargestellt. Darius Kopps Büro wurde nach der Fusion der Firmen Fidelis und Opaco aufgelöst, jedoch scheint er, an seinem Zukunftsoptimismus nicht einzubüßen.[61] Die optimistische Haltung retiriert er seiner Schwester Marlene gegenüber, die er vor der Fahrt in den Wald zu Flora besucht: „Ich hab bis jetzt immer etwas gefunden. Wenn du kompetent bist, engagiert, loyal und so weiter, dann findest du auch was“.[62] Dabei tritt die Naivität des international agierenden Darius Kopp in den Vordergrund, der zwar dem Anschein nach die Werte der kapitalistischen Arbeitsethik verinnerlicht hat, deren Gültigkeit im Roman jedoch durch vielfältige Ablenkungen von der Arbeitswelt und körperliche Immobilität unterwandert wird. Die Parallelisierung der Arbeitslosigkeit der Figuren zu Beginn und am Ende des Romans verweist auf deren sozialen prekären Status, der aus den instabilen ökonomischen Entwicklungen resultiert.
Die Extreme zwischen Innerem und Äußerem
Im Hinblick auf die Inszenierung der Extreme zwischen Innerem und Äußerem kommt der Darstellung von Floras Depressionserfahrungen eine bedeutende Rolle zu. Floras Depression bildet dabei den extremen Gegenpol zu Kopps rasender Beziehung zu den ,‚techno-capitalist regimes of time“.63 Im Folgenden werden die Verfahren einer ‚depressiven Ästhetik‘ analysiert, die sich im Roman am Körper als Austragungsort biologischer, sozialer und politischer Kräfte verdichten.64 Für Mora ergibt sich die Auseinandersetzung mit der Depressionsthematik aus der „Notwendigkeit“, „drastische Inhalte“ durch innovative Darstellungsverfahren sichtbar zu machen.65 Unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik des Drastischen können die Darstellungen von psychischen und physischen Schmerzerfahrungen der Protagonistin in den Blick genommen werden.
Die Beschreibung von Floras Diagnose gibt in diesem Zusammenhang Aufschlüsse über ihren akuten psychischen Zustand. Der ärztlichen Diagnose entsprechend wird Flora im Roman als „eine außerordentliche sensible Person, eine so genannte highly sensitive person“ beschrieben, die zwischen fremdem und eigenem Leiden nicht unterscheiden kann.66 Ein besonderes Merkmal ist, dass solche hochsensiblen Menschen zwar als resilient erscheinen, diese Resilienz jedoch aus der Grenzziehung zwischen der inneren und realen Welt resultiert.67 Dementsprechend würde eine Grenzüberschreitung zu fatalen Konsequenzen für die innere Balance des hochsensiblen Menschen führen. In einem Interview reflektiert Mora diese Trennung als Floras „große Tragik“, die zugleich den Typus des melancholicus kennzeichnet.68 Floras traumatische Vergangenheit, die sich im Roman in ihrem Schweigen spiegelt, wird nicht aufgelöst, sondern durch die postsozialistische Erfahrung in Berlin noch verstärkt. Diese Verkettung von Gewalterfahrungen beschreibt Attanucci als ein Anzeichen für Floras Posttrauma.69 Floras Zusammenbruch findet in den gesellschaftlichen Erfahrungen Niederschlag, die als ungarische Frau in Deutschland der Ausgrenzung und der männlichen Gewalt ausgesetzt wird. Flora sind im Alltag nicht nur verbalen Demütigungen, sondern auch sexuellen Übergriffen widerfahren, sondern sie wird auch in der Berufswelt und in der Familie Darius Kopps mit Fremdzuschreibungen wie „osteuropäische Frau“ konfrontiert.70 Bei ihrer alten Stelle als Filmassistentin fielen Flora Aufgaben nicht in den Kulturbereich, sondern sie übernahm mehr die Rolle der Sekretärin. Die gesellschaftlichen Exklusionserfahrungen sowie die defizitäre Kommunikation in der Beziehung verstärken Floras Gefühle des Selbstverlusts, der Scham und der Einsamkeit. So viele demütigende „Kleinigkeiten“, zu denen „Mobbing“ am Arbeitsplatz gehört, sammeln sich in der Kette an, dass Flora schließlich den Glauben an ihre „Talente“ verliert.71
Im Gegensatz zu Kopps Subjektivität, die durch seine technologische Abhängigkeit eingeschränkt wird, unternimmt Flora dennoch Versuche, sich der Opferrolle zu entziehen und ein autonomes Subjekt zu konstituieren. Um die Versuche eines autonomen Subjekts sichtbar zu machen, wird Judith Butlers Perspektive berücksichtigt, wonach die körperliche und psychische Vulnerabilität des Individuums nicht nur ein Produkt sozialer und politischer Machtdynamiken ist, sondern sich auch in Resilienzen transformieren kann.72 Terézia Mora bezeichnet solche Strategien der Resilienz oder des Aushaltens als „Reparaturversuche“.73 Floras innere Welt lässt sich durchgehend an der Schnittstelle der Extreme von Widerstandsfähigkeit und Ausgezehrtheit verorten. Der Versuch, ihre schwankenden mentalen Dispositionen in Performativität überführen, zeigt sich darin, dass sich Flora kontinuierlich Tätigkeiten zuwendet, die sie von ihren depressiven Gedankenspiralen ablenken. Im Zusammenhang dessen hat Flora beschlossen, „nicht mehr zu leiden“ und gleichzeitig die menschliche „Würde“ zu bewahren, indem sie einen Aushilfsjob in einem Coffeeshop annimmt.74 Die Aufrechterhaltung der menschlichen Würde, auf die im Roman an vielen Stellen verwiesen wird, lässt sich demzufolge als Strategie der Resilienz gegenüber den gesellschaftlichen Praktiken der Exklusion verstehen.
Derartige Versuche der Selbstreparatur führen jedoch nur selten zu einem positiven Ergebnis. Die körperliche Vulnerabilität spiegelt sich im Zusammenbruch Floras wider, die eindeutige Anzeichen von Depression zeigt. Die Darstellungen von akkumulierter Müdigkeit, Weinen, körperlicher Betäubung vermitteln im Roman solche krankhafte Körperbilder. Dabei zeigt sich Darius Kopp hilflos vor den physischen und psychischen Dispositionen Floras: „Sie war eine Woche lange unansprechbar, schlief entweder oder weinte mit abgewandtem Gesicht, aber er hätte sowieso nicht gewusst, was er sagen sollte“.75 An dieser Stelle zeigt sich, wie Floras Schweigen die Kommunikation in der Beziehung einschränkt. Da Flora beispielsweise „[z]um Lesen, Fernsehen oder jeder anderen stillen Tätigkeit zu unruhig [war]“, entschied sie sich, in den Supermarkt zu gehen.76 Floras innerer Drang nach zwischenmenschlicher Nähe wird wiederum durch die Begegnung mit zwei Frauen im Supermarkt konterkariert. Die beiden warfen ihr insinuierende Blicke zu, die das Gefühl von Ausgrenzung in Flora verstärkten. In der Folge
drehte sich [Flora] um, ging nach Hause, legte die Nudeln in der Küche ab, ging ins Bad, sah in den Spiegel, und dann war’s vorbei. Ich konnte mir selbst nicht in die Augen sehen, so sehr habe ich mich geschämt.
Du? Geschämt? Aber wieso?
Das kann ich nicht erklären.
War es eine Spätfolge des Überfalls?
Nein. Hat mich jemand, ein armer Wahnsinniger, belästigt und verletzt? Ja. Die Frage ist: Wieso passiert das nicht jeden Tag etc. Man wundert sich höchstens über die eigene Unempfindlichkeit. Aber das jetzt konnte sie nicht mehr ertragen. Dieser Schmerz ist unerträglich. Ich möchte nicht mehr leben.
Ich verstehe das nicht.
Ich weiß.77
Floras Erstaunen über ihre eigene Unempfindlichkeit oder Vulnerabilität verweist auf eine melancholische Disposition, die im Zusammenhang mit den äußeren Umständen pathologische Züge annimmt. Floras akuter psychischer Zustand scheint Darius Kopp dermaßen zu überfordern, dass er die scheinbar positiven Entwicklungen Floras dem medizinischen und psychologischen Forschungsstand gemäß nicht als fluktuierende Phasen im Leben der Depressiven wahrnimmt. Angesichts dessen wird aus der auktorialen Perspektive über die Wahrnehmung von Darius Kopp berichtet, der „natürlich keinerlei Vorstellung davon hat“, dass eine rapide Überwindung der psychischen Erkrankung nicht möglich sei.78 Stattdessen begnügt er sich mit den Oberflächen und deutet Floras fluktuierende Momente der Motivation als Zeichen der Genesung und der Überwindung der krisenhaften Kommunikation. Aus diesem Blickwinkel stellt die Konfrontation mit dem inneren Schmerz seiner Frau das wirkliche Ungeheuer in der Beziehung dar.
Dass Darius Kopp die Auswirkungen des Zusammenbruchs seiner Frau im Verlauf des Romans unterschätzt, zeigt sich insbesondere in seiner Banalisierung ihrer Arbeitslosigkeit, die sich akut auf ihren psychischen Zustand auswirkt. Dies wird deutlich in der Euphorie, mit der er trotz finanzieller Einschränkungen das erste Heiratsjahr als das glücklichste in ihrer Beziehung darstellt:
Sie lebten von der Hand in den Mund und besuchten viele Friedensdemonstrationen. Sie kochte jeden Tag sehr gesundes und schmackhaftes Essen, und Kopp nahm das erste Mal seit 10 Jahren ab.
Später fand er Arbeit, sie blieb weiterhin zu Hause. Eine Weile führten sie eine traditionelle Hausfrauenehe (Dacht’ich’s mir doch. Tut so, als könnte sie keinen Eimer Wasser umschubsen, dabei blablabla…) und Kopp wurde noch glücklicher, da er sich um nichts kümmern musste, was in den privaten Bereich fiel.79
Ausschlaggebend in der Passage ist der Hinweis auf Floras Durchführung von Tätigkeiten im Haushalt, die sowohl als Strategie der Resilienz als auch Überschätzung des psychischen Zustandes interpretiert werden können. Die Fehleinschätzungen oder die Überschätzungen von Darius Kopp lassen sein passives und vernachlässigendes Verhalten in der Beziehung erscheinen. In apologetischen Termini reflektiert Darius Kopp über sein Verhalten Flora gegenüber folgendermaßen:
Es stimmt, nicht, dass du mir, sobald du mir aus den Augen bist, weil, ich z.B. bei der Arbeit bin oder mit einem Kumpel saufen, auch aus dem Sinn wärst. Ich gebe zu, dir zu wenig zu helfen, vielleicht nicht ganz so schlimm, als lebten wir in den Fünfzigern, aber ich vergesse, zugegeben, das Meiste, das du mir zu erledigen aufträgst, deswegen trägst du mir seit einer Weile auch nichts mehr auf und investierst lieber Kraft und Zeit, als Nerven, aber das sind ja nur Sachen, Flo, verstehst du, nur Sachen. Und du bist du.
(Das hast du schön gesagt, du faules Luder.)80
Die Widersprüchlichkeit seiner Verhaltensweise zeigt sich darin, dass Kopp sein vernachlässigendes Verhalten zwar eingesteht, es aber als Fortsetzung der konventionellen Geschlechterrollen aus der DDR-Zeit deutet. Gleichzeitig rechtfertigt er seine mangelnde Hilfe damit, dass diese Rollen gesellschaftlich verankert sind („nicht ganz so schlimm, als lebten wir in den Fünfzigern“). Im Roman fungiert die Fehlgeburt als Katalysator, der die Entfremdung zwischen den Partnern verstärkt und die Beziehungskrise offen zutage treten lässt. Die biologische und psychologische Dimension der Fehlgeburt wird wie folgt beschrieben:
In der nächsten halben Stunde gab es Momente, in denen sie dachte: Jetzt ist es aus mir, ich verliere das Bewusstsein, wenn das geschieht, dann sterbe ich auch. Alles kam auf einmal: der Durchfall, das Blut, das Erbrechen. Saß auf der Toilette, erbrach sich in den Abfalleimer, lass mich nicht die Einzelheiten schildern, die Farben und Gerüche, während in Schwellen hellroten Blutes fladenweise Gebärmutterschleimhaut und dünnflüssige, bröckelige, stinkende Scheiße aus ihr herausschossen und ihr die Schmerzen den Verstand und das Erbrechen die Luft raubte, ihr die Galle in die Nase stieg, und so dass sie nicht einmal um Hilfe rufen konnte, und wenn, dann hätte sie sowieso keiner gehört. Am Ende fand sie sich auf dem schmutzigen Boden zwischen Toilettenpapierfetzten wieder, mit blutverschmierten Beinen, ihr Schlüpfer kringelte sich um einen Knöchel.81
Die Passage thematisiert, wie Flora die Fehlgeburt als massiven Angriff auf ihren Köper erlebt. Die anschließende Entlassungsdrohung ihres Chefs – basierend auf der Annahme, Flora habe sich aufgrund von Menstruationsbeschwerden auf der Toilette eingeschlossen – verdeutlicht die gesellschaftliche Tabuisierung des weiblichen Körpers und deren Verknüpfung mit sozialer Ausgrenzung. Infolge der Fehlgeburt versucht Flora erfolglos, ihren Mann telefonisch zu erreichen. Die unvermeidliche Kluft zwischen Darius und Flora zeigt sich darin, dass ihr Ehemann im Gegensatz zu der Berufswelt im privaten Leben abwesend ist. Die Irreparabilität der Fehleinschätzungen und die emotionale und physische Abwesenheit ihres Manns führen schließlich dazu, dass sie sich von ihrem Mann distanziert und aufs Land zieht.
Fazit
Resümierend lässt sich feststellen, dass der Roman eine Poetik der Extreme entfaltet, die aus der Perspektive des New Materialism am Körper als Schnittstelle biologischer, technologischer und sozialer Verflechtungen in der neoliberalen Gesellschaft sichtbar wird. Im Kontext dieser Interaktionen bewegt sich Darius Kopp zwischen virtuellen Medien, technischen Dispositiven und seinem Arbeitsalltag – Bewegungen, die durch die technologisch gesteuerten Extreme zwischen Beschleunigung und Immobilität hervortreten lassen. Deutlich wurde dabei, wie Kopps Handlungsfähigkeit durch technologische Dispositive eingeschränkt wird. Unterbrechungen, Orientierungslosigkeit sowie biologische Reaktionen lassen so die krisenhafte Alltäglichkeit sichtbar werden.
Moras literarisches Projekt, ihre Figuren als „reziprok“ zu konstruieren, manifestiert sich im Roman in der Kontrastierung extremer Affekte, die zwischen Optimismus und Depression oszillieren.82 Darius Kopps konsumorientierter Lebensstil entlarvt dabei die postsozialistische Großfantasie eines „good life“ als Illusion.83 Zudem tragen Darius Kopps Zukunftsoptimismus und seine technologische Ablenkung dazu bei, dass er den akuten psychischen Zustand seiner Frau kaum wahrnimmt. Die Symptome ihrer Erkrankung werden von ihm in der Beziehung weitgehend unterschätzt oder gänzlich übersehen. Im Gegensatz zu Kopp ist Flora stark von ihrer Vergangenheit geprägt. Die Konstruktion eines depressiven Subjekts erfolgt bei Mora durch die Inszenierung eines Spannungsverhältnisses zwischen innerer und äußerer Welt. Der Übergang zwischen diesen Polen verweist auf die Vulnerabilität eines melancholisch prädisponierten Subjekts. Dennoch zeigen sich bei Flora auch Reparaturversuche, in denen der Körper als Ort von Verletzlichkeit und zugleich Resilienz inszeniert wird. Diese Prozesse tragen zur Konstruktion eines autonomen Subjekts bei.
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1 Terézia Mora, Nicht sterben. Frankfurter Poetik-Vorlesung (Luchterhand, 2009), 137.
2 Gisela Brinker-Gabler & Nicole Shea (hg.), The Many Voices of Europe: Mobility and Migration in Contemporary Europe (De Gruyter, 2020); Anke S. Biendarra, Germans Going Global. Contemporary Literature and Cultural Globalization (De Gruyter, 2012); Michell Mallet, Maria Mayr und Kristin Rebien (Hg.), Postsocialist Memory in Contemporary German Culture (De Gruyter, 2004).
3 Aihwa Ong, Neoliberalism as Exception. Mutations in Citizenship and Sovereignty (Duke University Press, 2014), 14.
4 Ong, Neoliberalism, 14.
5 Lauren Berlant, Cruel Optimism (Duke University Press, 2011).
6 Berlant, Cruel Optimism, 197; Sara Ahmed, “Affective Economies”, Social Text 79, Vol. 22, No. 2 (Summer 2004), 127.
7 Diana Coole & Samantha Frost (Hg.), „Introducing New Materialisms“, in New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics (Duke University Press, 2010), 3.
8 Terézia Mora,Der geheime Text. Salzburger Stefan Zweig Poetikvorlesung (Sonderzahl Verlagsgesellschaft, 2016, 21).
9 Karen Barad, „Posthumanist Performativity: Towards an Understanding How Matter Comes to Matter”, Journal of Women in Culture and Society, Vol. 28, No. 3 (2003), 808.
10 Barad, „Performativity“, 808.
11 Marshall McLuhan, Understanding Media. The extensions of man (Routledge, 2001), 380.
12 Mora, Der geheime Text, 82.
13 Mora, Der geheime Text, 82; McLuhan, Understanding Media, 4–5.
14 Braidotti, Posthumanismus. Leben jenseits des Menschen (Campus Verlag), 99.
15 Mora, Der einzige Mann, 22.
16 Mora, Der einzige Mann, 45.
17 Mora, Der einzige Mann, 133.
18 Mora, Der einzige Mann, 314.
19 Florian Sprenger, „Warum ist das Medium die Botschaft?“, in Medien verstehen: Marshall McLuhans Unterstanding Media, hg. von Till A. Heilmann und Jens Schröter (Meson Press, 2017), 42.
20 Mora, Der einzige Mann, 199.
21 Mora, Der einzige Mann, 144.
22 Berlant, Cruel Optimism, 9.
23 Mora, Der geheime Text, 140.
24 Monika Shafi, „‘Mit der Wende kam der Appetit’: Work, Food, and Gender in Terézia Mora’s Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Chloe: Beihefte zum Daphnis 47 (2013), 310; Mary Cosgrove, „The Time of Sloth in Terézia Moras Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Oxford German Studies 46, no. 4 (2017), 364-387.
25 Mora, Der einzige Mann, 129.
26 Mora, Der einzige Mann, 129–130.
27 Erika Hammer. „Nicht-Orte und die Dissoziation des Subjekts in Terézia Moras Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Zeitschrift für Interkulturelle Germanistik 2 (2016), 121.
28 Mora, Der einzige Mann, 113.
29 Berlant, Cruel Optimism, 9.
30 Christine Künzel, „Finanzen und Fiktionen: Eine Einleitung“, in Finanzen und Fiktionen. Grenzgänge zwischen Literatur und Wirtschaft, hg. von Derk Hempel (Campus, 2011), 14.
31 Mora, Der einzige Mann, 157–158.
32 Baudrillard 1985, zitiert nach Alex Goody, Technology, Literature and Culture (Polity, 2011), 38.
33 Mora, Der einzige Mann, 316.
34 Mora, Der einzige Mann, 292.
35 Mora, Der einzige Mann, 280, 309.
36 Mora, Der einzige Mann, 309.
37 Mora, Der einzige Mann, 309.
38 Mora, Der einzige Mann, 32.
39 Mora, Der einzige Mann, 23.
40 Braidotti, Posthumanismus. Leben jenseits des Menschen, 95.
41 Ahmed, „Affective Economies“, 121.
42 Ahmed, „Affective Economies“, 117.
43 Mora, Der einzige Mann, 57.
44 Mora, Der einzige Mann, 57.
45 Mora, Der einzige Mann, 341.
46 Mora, Der einzige Mann, 341.
47 Berlant, Cruel Optimism, 2.
48 Mora, Der einzige Mann, 248.
49 Mora, Der einzige Mann, 254.
50 Mora, Der einzige Mann, 255.
51 Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert (C.H. Beck, 1988), 380.
52 Mora, Der einzige Mann, 250–251.
53 Mora, Der einzige Mann, 345.
54 Mora, Der einzige Mann, 81.
55 Paul Buchholz, “Eco-Romanticism: Terézia Moras Der einzige Mann auf dem Kontinent and the Re-reading of Marlen Haushofers‘ Die Wand“, Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch/A German Studies Yearbook 14, (2015), 165.
56 Mora, Der einzige Mann, 84.
57 Mora, Der einzige Mann, 85.
58 Mora, Der einzige Mann, 88-89.
59 Mora, Der einzige Mann, 339.
60 Christa Grewe-Volpp, „Ökofeminismus und Material Turn“, in Ecocriticism. Eine Einführung, hg. von Gabriele Dürbeck & Urte Stobbe (Böhlau, 2015), 44.
61 Mora, Der einzige Mann, 373.
62 Mora, Der einzige Mann, 377.
63 Timothy Attanucci, “Postsocialist Melancholy: The Highs and Lows of Terézia Moras Darius-Kopp Trilogy”, in Postsocialist Memory in Contemporary German Culture, hg. von Michell Mallet, Maria Mayr und Kristin Rebien (De Gruyter, 2004), 152.
64 Till Huber und Immanuel Nover (Hrg.), „Ästhetik des Depressiven. Gesellschaftliche und literarische Perspektivierung“, in Die Ästhetik des Depressiven (De Gruyter, 2023), 16.
65 Mora, Nicht sterben, 152.
66 Mora, Der einzige Mann, 68–69.
67 Mora, Der einzige Mann, 69.
68 Terézia Mora, „Interview mit Terézia Mora”. Interview von Bianca Burka, in Jahrbuch der ungarischen Germanistik, hg. von. Johanna Backes und Zoltán Szendi (2014), 9-20, hier 11.
69 Attanucci, „Postsocialist Melancholy“, 161.
70 Mora, Der einzige Mann, 60.
71 Mora, Der einzige Mann, 72, 340.
72 Judith Butler, “Rethinking Vulnerability and Resistance”, in Vulnerability in Resistance, hg. von Zeynep Gambetti und Leticia Sabsay (Duke University Press, 2016), 24.
73 Mora, Nicht sterben, 144.
74 Mora, Der einzige Mann, 71.
75 Mora, Der einzige Mann, 67.
76 Mora, Der einzige Mann, 68.
77 Mora, Der einzige Mann, 68.
78 Mora, Der einzige Mann, 71.
79 Mora, Der einzige Mann, 70–71.
80 Mora, Der einzige Mann, 72.
81 Mora, Der einzige Mann, 338–339.
82 Mora, Der geheime Text, 99.
83 Berlant, Cruel Optimism, 2.