Das deutsche Kolonialerbe in der Jugendkolonialliteratur der BRD und der DDR / by Joseph Kebe-Nguema | TRANSIT

Das deutsche Kolonialerbe in der Jugendkolonialliteratur der BRD und der DDR

TRANSIT
Vol. 13, No. 1

Joseph Kebe-Nguema

[Related Links: “Introduction” by Andrew Blough and Jonas Teupert]


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Abstract

Dieser Beitrag setzt sich mit der Behandlung des deutschen Kolonialerbes in der Jugendkolonialliteratur der DDR und der BRD auseinander. Da die untersuchten Werke – genauso wie die Mehrheit der bis zur deutschen Teilung veröffentlichten Jugendkolonialbücher – an historische Ereignisse und Staatsideologien anknüpfen, wird im ersten Teil des Beitrags der gesamtdeutsche kulturgeschichtliche Kontext und der gesellschaftliche Status des Schwarzseins dargestellt. Das Hauptaugenmerk des zweiten Teils liegt auf der staatsideologischen Prägung dieser Werke. Dabei wird der Fokus vor allem darauf gelegt, wie diese Prägung sowohl bei der Darstellung der deutschen Kolonialgeschichte als auch bei Race– und Genderkonstruktionen verschiedener Figuren festzustellen ist. Auf den ersten Blick zeichnen sich die westdeutschen Jugendkolonialwerke durch kolonialrevisionistische Aspekte und thematische Vielfalt aus, während bei der ostdeutschen Jugendkolonialliteratur eine kolonialkritische Haltung und die Behandlung des zurzeit wieder vielbesprochenen deutschen Völkermords an den OvaHerero und Nama dominant sind. Danach werden deren Gemeinsamkeiten thematisiert, die auf die gemeinsame Geschichte und ein gesamtdeutsches Kulturerbe zurückzuführen sind. Dabei wird auf den dargestellten Kolonialrassismus und auf das Potenzial der Jugendliteratur bei der Dekolonisierung der Germanistik hingewiesen.


Infolge der internationalen und bundesweiten Proteste gegen Rassismen im Sommer 2020[1] wurde das deutsche Kolonialerbe öffentlich viel diskutiert. Besonderer Fokus wurde dabei auf den Völkermord an den OvaHerero und Nama gelegt (1904 – 1908), den die Schutztruppe[2] in Deutsch-Südwestafrika[3] begangen hatte. Der belletristische Anteil am Kolonialgedanken blieb jedoch unberücksichtigt. Auch im jugendliteraturwissenschaftlichen Bereich wurde er – abgesehen von der mehrmaligen Thematisierung von Gustav Frenssens Klassiker Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906) – in den letzten Jahrzehnten nur marginal erwähnt. Dies ist problematisch, insofern die Kinder- und Jugendliteratur gesellschaftlich erwünschte Normen und Werte vermittelt (Malanda 46).  Im letzten Jahrhundert verfügte insbesondere die Jugendkolonialliteratur über „Massenwirksamkeit“ (Wassink 23). Somit kann die Dekonstruktion von kolonialen Denkstrukturen sowohl in der Germanistik als auch in der restlichen Gesellschaft erschwert werden, wenn man den einen Bereich ignoriert, in dem diese Strukturen erzieherisch-unterhaltsam aufgegriffen werden. Weil die Jugendkolonialliteratur gleich zu deren Beginn politisch-erzieherische Funktionen erfüllt hat (Eckhardt 180) und maßgeblich von der Teilung Deutschlands beeinflusst wurde, setzt sich dieser Beitrag mit dem deutschen Kolonialerbe in der gesamtdeutschen Jugendkolonialliteratur auseinander. In diesem Beitrag argumentiere ich, dass der jugendliterarische Umgang mit der deutschen Kolonialgeschichte in den untersuchten Werken staatsideologisch geprägt ist und dass diese Prägung auch bei der Rassenkonstruktion fiktionaler Charaktere festzustellen ist. Angesichts der Beitragsthematik werde ich diese Werke kritisch mit Critical Race Theory bzw. postkolonialen Ansätzen untersuchen. Erstere hat den Vorteil, Race und deren Intersektion mit anderen Konstruktionen zu berücksichtigen, während letztere mir behilflich sein werden, kolonialistische oder imperialistische Diskurse, die in der Primärliteratur vorhanden sind, sachlich zu analysieren.

Was den westdeutschen Korpus betrifft, so werde ich die folgenden Werke untersuchen: die Trilogie Hans Ulrichs, die Flucht ins Ungewisse, Unheimliche Stunden und Gefährlicher Durchbruch (1966) beinhaltet. Sie ist nicht nur erwähnenswert, weil sie den Krieg gegen die Nama schildert, sondern auch weil sie mehrmals neuaufgelegt wurde. Auch Was tut sich da in Afrika (1954) von Josef Viera werde ich aus mehreren Gründen berücksichtigen. Mit dem Roman hat er hat sein von den NS-Literaturinstanzen empfohlenes Jugendwerk Gust in der Klemme (1933) (Ritter, 43) bearbeitet – ohne jedoch darauf hinzuweisen. Die Handlung spielt außerdem in der ehemaligen deutschostafrikanischen Kolonie, die jugendliterarisch nicht so oft erwähnt worden ist wie die deutschsüdwestafrikanische. Josef Viera war zudem ein erfolgreicher Autor, der sowohl für seine Herausgeberschaft der kolonial geprägten Jugendschriftenreihe Aus weiter Welt (1925 – 1940) als auch für seine NS-affine Jugendwerke wie z.B. Utz kämpft für Hitler (1940) bekannt ist.  Ich werde zudem Die Farm in den Bobosbergen (1955) von Lothar Reppert-Rauthen untersuchen, weil sein Werk das Farmerleben in der ehemaligen deutschsüdwestafrikanischen Kolonie schildert.

Was den ostdeutschen Korpus betrifft, so habe ich die folgenden Werke ausgewählt: Sturm über Südwest-Afrika (1962) von Ferdinand May, weil es sich um das allererste ostdeutsche Jugendwerk handelt, das die Vernichtung der Herero und Nama thematisiert und zudem multiperspektivisch verfasst ist. Das zweite Werk ist Martin Selbers Hendrik Witbooi (1974), das vom Leben des gleichnamigen Nama-Freiheitskämpfers berichtet. Das Besondere an diesem Werk besteht darin, dass es zunächst in der DDR (1974) und dann in der BRD (1979) veröffentlicht wurde. Die letzte Erzählung ist Flucht vom Waterberg (1989) von Dietmar Beetz, die den Beginn des weiter oben erwähnten Völkermordes schildert und sich inhaltlich-diskursiv von den anderen ostdeutschen Werken unterscheidet.

Aufgrund der Tatsache, dass die literarische Behandlung des deutschen Kolonialismus von den unterschiedlichen Staatsideologien abhängt, muss zunächst der geschichtliche Kontext beleuchtet werden, bevor der Fokus sowohl auf die Rassenkonstruktionen als auch auf die staatsideologische Prägung der längst in Vergessenheit geratenen gesamtdeutschen Jugendkolonialliteratur gelegt werden kann. 

Kulturgeschichtlicher Kontext bis zur Teilung Deutschlands

1884 wurden die ersten deutschen Kolonien in Kamerun, Togo und Südwestafrika errichtet, während Deutsch-Ostafrika 1885 gegründet wurde (Mamozai 29). Weil sich die kolonisierten Nationen[4] weigerten, diese Fremdherrschaft anzunehmen, kam es in allen deutschafrikanischen Kolonien zu Aufständen (29). Der am 12. Januar 1904 von den Herero begonnene Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft, aus deren militärischer Antwort der erste deutsche Völkermord des 20. Jahrhunderts resultierte,[5] erhielt – auch im jugendliterarischen Bereich – besondere Aufmerksamkeit.[6] Der Frenssensche kolonialistische Klassiker Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906), dessen Handlung während des Feldzuges gegen die OvaHerero spielt, gilt als Meilenstein der Jugendkolonialliteratur. Nach dessen Erfolg[7] wurde dieses Genre immer volkstümlicher und der Verlust der deutschafrikanischen Kolonien im Jahre 1919 (Vgl. Versailler Vertrag) setzte dieser Entwicklung kein Ende. Im Gegenteil. In der Tat wurden beispielsweise der Kolonialroman Frenssens, genauso wie Die Helden der Naukluft (1912) von Maximilan Bayer neuaufgelegt, während die ab dem Jahre 1925 von Josef Viera herausgegebene kolonial geprägte Jugendschriftenreihe Aus weiter Welt bis 1940 veröffentlicht wurde.

Diese Nachfrage lag u.a. an der Forderung nach den ehemaligen deutschen Kolonien, woran nicht nur reaktionäre Kräfte beteiligt waren[8]. „Neben Massenkundgebungen in vielen Städten beteiligten sich 1919 auch mehr als 3,8 Millionen Deutsche an einer Unterschriftenaktion, um gegen den >Raub der Kolonien< zu protestieren,“ erfährt man bei Kien Nghi Ha (109–110). 1928 forderte zudem der künftige Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft Konrad Adenauer die Gründung neuer Kolonien (Habermann 51). Der Kolonialgedanke wurde jedoch nach der NS-Machtergreifung – auch im Bildungsbereich[9] – noch massenwirksamer. Dies drückte sich etwa auch in der Belletristik aus, insofern die NS-Zeit mit der goldenen Zeit der Kolonialliteratur zusammenfällt (Warmbold 14).  Das Ende des 3. Reiches markierte zwar das Ende dieses goldenen Zeitalters, aber der deutsche Kolonialgedanke wurde nicht abgetan, sondern entzweit.  

Kulturgeschichtlicher Kontext ab 1945

Infolge eines Gesprächs zwischen dem italienischen Premierminister und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer „verlangte am 24. April 1954 der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Außenhandelsfragen, Reinhold Bender, von der UNO die Treuhandschaft über eine Kolonie in Afrika“ (Baer und Schröter 175). Zur gleichen Zeit versuchte man in der Bundesrepublik SchülerInnen imperialistisch zu erziehen:  

Der Weg nach Osten ist uns heute versperrt. Aber der Weg nach Süden ist frei. Er ist der einzig mögliche Ausweg, wenn wir nicht zwischen Ost und West zermalmt werden wollen. […] Auf Afrika, den Kontinent der uns noch offen stehenden Möglichkeiten, passt das Bild [der unbegrenzten Möglichkeiten] jedenfalls ungleich besser als auf die Ukraine. (Zischka, 1951, zitiert nach Marmer und Sow 20)[10]

Was den westdeutschen Jugendliterarturmarkt betrifft, so wurde Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906) bis 1953 immer wieder neu aufgelegt und erreichte Auflagen von ca. 500000 Exemplaren (Wassink 140). Daher ist Folgendes sinnfällig:

Der Globalbefund, von dem ausgegangen werden muß, ist der, daß es einen Neuanfang, eine Stunde Null, im Bereich der Kinder-und Jugendliteratur nach 1945 nicht gegeben hat. Eine Fülle von Titeln, die in der NS-Zeit erschienen waren, gelangte, zum großen Teil ohne Änderungen, auf den Buchmarkt der Nachkriegszeit. (Hopster 44)

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. deutschen Kolonialismus in der BRD erst ab den 1960er Jahren stattgefunden hat,[11] während in der DDR andere Voraussetzungen herrschten.

„Im Osten wurde der Antifaschismus Staatsdoktrin,“ schreibt Wulf Hund (151). Das Gleiche galt für den Antikolonialismus. Deshalb unterstützte der Staat offiziell außereuropäische Befreiungskämpfe – u.a. die linksgerichtete Südwestafrikanische Volksorganisation (Feist 5).[12] Der sich als antirassistisch und antiimperialistisch inszenierende ostdeutsche Staat zielte u.a. darauf ab, die Jugend auf internationale Solidarität und Antiimperialismus vorzubereiten. Um diese Ziele zu erreichen, wurden – genauso wie in NS-Deutschland – diejenigen Werke „entfernt,“[13] die von den staatlichen Behörden als problematisch eingestuft wurden, denn „zu den vordringlichsten Aufgaben gehörte es, den faschistischen Ungeist auszurotten“ (Emmrich 258). Trotz der Gemeinsamkeit war der NS-Kinder- und Jugendliteraturmarkt privatwirtschaftlich organisiert (Hopster 5), während der ostdeutsche planwirtschaftlich geregelt wurde. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die jeweils erwünschte Jugendliteratur politische Funktionen erfüllen und ideologiegerecht sein sollte. In der DDR sollte sie nicht nur zur oben erwähnten Erziehung der Leserschaft beitragen, sondern auch Solidarität mit z.B. dem namibischen Volk hervorrufen (Keil 291), welches sich unter südafrikanischer Fremdherrschaft befand – weshalb DDR-Jugendkolonialliteratur, sofern sie die deutsche Kolonialgeschichte thematisiert, vor allem auf Deutsch-Südwestafrika fokussiert ist. Dass der Großteil der ostdeutschen Jugendkolonialliteratur während des OvaHerero- und Nama-Aufstandes spielt, liegt auch an der damaligen politischen Relevanz des Themas (291). Die Strategie, die Befreiungskämpfe der OvaHerero und Nama zu thematisieren, um auf die Aktionen der Südwestafrikanischen Volksorganisation hinzuweisen, beschränkte sich allerdings nicht auf die Jugendkolonialliteratur, sondern wurde auch in journalistischen Texten angewendet (Vgl. Schaknies 15). 

Trotz ihrer unterschiedlichen Ideale waren die beiden deutschen Staaten von ihrer gemeinsamen Geschichte und der bereits vor der NS-Zeit vorhandenen Angst vor dem Anwachsen einer schwarzdeutschen Bevölkerung geprägt.[14] Während noch 1952 die CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Luise Rehling der Meinung war, dass halbschwarze Kinder „ein menschliches und rassisches Problem besonderer Art darstellen“ würden (Deutscher Bundestag 8507) und es dem damaligen Bundesinnenministerium nicht gelang, diese Kinder abzuschieben bzw. im Ausland adoptieren zu lassen (Pokos 115 – 116), waren die ostdeutschen Zustände kaum besser. Beziehungen zwischen den VertragsarbeiterInnen[15] und der „ostdeutschen Wohnbevölkerung“ waren staatlich unerwünscht (Ayim 53) und die Vertragsarbeiterinnen, die schwanger wurden, mussten entweder abtreiben oder das Land verlassen (Schüle 93). Polnische Vertragsarbeiterinnen waren davon jedoch nicht betroffen (Röhr 18), was den rassistischen Aspekt dieser Maßnahmen unterstreicht. Diese Gemeinsamkeiten verbergen allerdings nicht die deutsch-deutsche Opposition, die in den jeweiligen Jugendkolonialliteraturen eindeutig zum Ausdruck kommt.

Herkömmliche Muster[16] und Kolonialrevisionismus in der BRD-Jugendkolonialliteratur

„Daß das Deutsche Reich de facto aber eine außerordentlich harte Kolonisation betrieben hatte und tatsächlich in beträchtlichem Maße Kolonialschuld auf sich geladen hatte, wurde von Anfang an aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verdrängt,“ schreibt Norbert Hopster zur Jugendkolonialliteratur der NS-Zeit (311). Ein ähnlicher Eindruck entsteht bei der Lektüre der untersuchten westdeutschen Jugendkolonialwerke, die von einer prokolonialen und kolonialrevisionistischen Haltung geprägt sind. Man liest z.B. Folgendes im Vorwort der Erzählung Flucht ins Ungewisse (1966):[17]

Im Jahre 1884 erklärte das damalige Deutsche Reich die Erwerbung des Bremer Kaufmanns Lüderitz, nämlich Südwest Afrika, zu seinem Schutzgebiet. Dieser Schutz galt sowohl den weißen Siedlern wie auch sich seit Jahrzehnten bekämpfenden Eingeborenenstämmen. (Ulrich, Flucht ins Ungewisse o.S.)

Hier wird der Leserschaft allerdings nicht mitgeteilt, dass Adolf Lüderitz das südwestafrikanische Gebiet durch Betrug erworben hatte (Erichsen und Olusoga 175). Es wird zudem impliziert, dass der deutsche Kolonialismus den „Eingeborenenstämmen“ den langersehnten Frieden ins Land gebracht hätte, obwohl dieser „Schutz“ nur „den weißen Siedlern“ galt.  Kurz danach schreibt Ulrich: „Wie aus heiterem Himmel brach 1904 der Aufstand des Hererovolkes aus“ (Flucht ins Ungewisse o.S.). Fatima El-Tayeb zufolge resultierte dieser Aufstand jedoch aus der kontinuierlichen Unterdrückung (El-Tayeb 79). Die Hauptfiguren Ulrichs verurteilen niemals den Kolonialismus oder stellen ihn in Frage.  Vielmehr verherrlichen sie ihn, weshalb die Widerstandkämpfe für die Hauptfiguren keinen Sinn ergeben. In Unheimliche Stunden (1966), dem zweiten Band, zeigt sich beispielsweise Norbert, ein sechzehnjähriger weißdeutscher[18] Schutztruppler-Sohn, angesichts der Auflehnung der Nama-Nation ratlos und sagt dazu: „Sie haben nur Gutes von uns erfahren.“ (Unheimliche Stunden 24). Hier schreibt der Roman historische Ereignisse um, ohne diese Aussage zu widerlegen. In der Erzählung entsteht vielmehr der Eindruck von ‚Undankbarkeit‘ seitens der kolonisierten Bevölkerung. Diese Darstellung der Kolonialgeschichte lässt es so erscheinen, als ob die militärische Antwort der Schutztruppe, deren Brutalität im Buch verschwiegen wird, gerechtfertigt war. Damit wird eines der Muster der NS-affinen Jugendliteratur fortgesetzt, in der die von germanischen bzw. deutschen Figuren geführten Kriege stets als legitim dargestellt werden (Hopster 209).

Die Verherrlichung des Kolonialismus drückt sich etwa auch in Josef S. Vieras Erzählung Was tut sich in Afrika (1954) aus, deren Handlung nach dem Ersten Weltkrieg in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika spielt. Indem die Erzählung die demographischen Folgen der deutschen militärischen Antwort auf den Maji-Maji-Aufstand verschweigt, präsentiert sie die örtlichen Verhältnisse so, als sei die Bevölkerung mit ihnen zufrieden. Genauso wie in der Trilogie Ulrichs wird das Dasein weißdeutscher KolonistInnen als Segen für die indigene Bevölkerung dargestellt.[19] Zum Beispiel preist Gusts[20] Vater die verstorbene Mutter dafür, der kolonisierten Bevölkerung geholfen zu haben, und fragt Gust in rhetorischer Weise: „Und sind wir Weißen hier nicht alle gut zu den Eingebornen [sic] und haben Verständnis für ihre Freuden und Leiden?“ (19). Der Mythos der gütigen KolonistInnen wird dadurch bekräftigt. Der Vater lehnt zudem jegliche Gewalt gegen die Schwarze[21] Bevölkerung ab (58), was ihn auf den ersten Blick von den Figuren einiger Kolonialwerke der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterscheidet, die sich für ‚erzieherische Gewalt‘ gegenüber der kolonisierten Bevölkerung aussprechen.[22] Gusts Vater lehnt diese Gewalt jedoch aus rassenhierarchischen Gründen ab. Er empfahl Gust einst: „Schlage nie einen Schwarzen, […]. Gerade weil wir weißen Menschen in manchen Dingen über den noch nicht vollentwickelten Farbigen stehen, dürfen wir ein kleines Vorrecht nicht mißbrauchen“ (58). Trotz seiner Einstellung wird Gusts Vater positiv inszeniert, was offen zeigt, dass es nach dem Krieg immer noch gesellschaftlich akzeptabel war, solche Ansichten unreflektiert in ein Jugendwerk aufzunehmen. Die Darstellung des Vaters ist allerdings problematisch, da sie ignoriert, dass Kolonialismus nur Unterdrückung der kolonisierten Bevölkerung bedeuten kann (Césaire 42).  Überdies werden historische Fakten beiseitegelassen, wie beispielsweise der weiter oben erwähnte Maji-Maji-Aufstand. Vieras Buch betrachtet zudem die dargestellte Rassentrennung und die durch den Kolonialismus verursachte Not der kolonisierten Bevölkerung als selbstverständlich. Während letztere in „Hütten“ wohne, verfüge die Weiße Bevölkerung über „Häuser“ (59). Diese gesellschaftlichen Differenzen werden nie erläutert.

Auch in dem von Lothar von Reppert-Rauthen verfassten Jugendkolonialbuch Die Farm in den Bobosbergen (1955), dessen Handlung nach dem Zweiten Weltkrieg in Südwestafrika stattfindet, wird über den deutschen Kolonialismus kaum reflektiert. Man erfährt bloß, dass Südwestwestafrika früher als deutsche Kolonie galt (Reppert-Rauthen 8) und die OvaHerero „bisweilen nur aus alter Anhänglichkeit in Erinnerung an frühere Zeiten unter den Deutschen“ arbeiten würden (85). Dass die damaligen GegnerInnen der deutschen Kolonialherrschaft im „Herero-Reservat“ leben (96), wird nicht erläutert, obwohl Reservate errichtet wurden, um die Rassentrennung zu garantieren und die Gleichberechtigung zu vermeiden (Leutwein 243). Man stellt also fest, dass der deutsche Kolonialismus auch bei Reppert-Rauthen als selbstverständlich betrachtet wird.

Dass diese Erzählungen an die von den NS-Literaturinstanzen gepriesenen Jugenderzählungen anknüpfen, zeigt sich wie folgt: all die untersuchten Werke werden aus der Sicht weißdeutscher SiedlerInnen erzählt,[23] wie es bereits in Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906), Die Helden der Naukluft (1912) von Maximilian Bayer oder Häuptling Ngambe (1922) von Marie Pauline Thorbecke der Fall war.  Alle diese Werke handeln von heranwachsenden HeldInnen, die aus familiären Gründen in Südwestafrika bzw. Ostafrika leben und ‚Jugendlichkeit‘ verkörpern. Petra Josting versteht darunter Folgendes: „[d]ie vom Nationalsozialismus unter den Begriff Jugendlichkeit subsumierten Handlungsmaximen Lebensbejahung, Kampfesmut und Heldentum“ sollten „den neuen deutschen Menschen und das neue Reich auszeichnen“ (Josting 97). Besonders der Kampfesmut und das Heldentum kommen durch die Herausforderungen des kolonialen Lebens zum Ausdruck. Vieras Erzählung findet zwar nicht während eines Kolonialkrieges statt, der 14-jährige Protagonist Gust Allerbeck muss sich jedoch gegen erwachsene Kontrahenten und die Gefahren der Wildnis behaupten. Gleiches gilt für Dieter Harde, die elternlose[24] Hauptfigur der Erzählung Reppert-Rauthens, dem es gelingt, seine Umwelt zu zähmen und eine Löwin zu fangen, die an Hagenbeck[25] verkauft werden soll (Reppert-Rauthen 78). Dieses Heldentum zeichnet auch Norbert, Ilse und Helmut in Ulrichs Trilogie aus, die sich gegen die Nama-Nation behaupten. Weil Ilse aufgrund ihres Genders einen Sonderfall in der herkömmlichen Kolonialliteratur darstellt – normalerweise stehen weibliche Figuren im Hintergrund (Vgl. Christadler 46) –, soll der Fokus kurz auf sie gelegt werden.

Ilse vereinbart die in der Kolonialliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellten weiblichen und männlichen Rollenbilder miteinander. Einerseits trägt sie z.B.  männliche[26] Kleidung (Ulrich, Unheimliche Stunden 9), kann mit Waffen umgehen (20) und steht ihren männlichen Pendants in nichts nach (22). Andererseits wird sie als fürsorglich (Flucht ins Ungewisse 48), einfühlsam und launenhaft konstruiert (54). Im Gegensatz zu ihren männlichen Familienmitgliedern ist sie erschüttert, nachdem sie einen Feind erschossen hat (Unheimliche Stunden 59). Ilses Charakterisierung erinnert an jene schablonenhaften Heldinnen der Mädchenkolonialliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie z.B. Johanna Vollrad in Die Vollrads in Südwest (1916) von Henny Koch oder Ursula in Ursels Kriegsfahrt in Afrika (1925) von Else Morstatt. Genauso wie in diesen Werken erfahren Weiße Frauen und Mädchen beispielsweise bei Reppert-Rauthen eine gewisse Aufwertung,[27] während Schwarze Frauen als „Weiber“ bezeichnet werden (55), was die Rassifizierung des dargestellten Sexismus beleuchtet. Ein weiteres herkömmliches Muster betrifft die Tatsache, dass sich die Hauptfiguren bei Viera und Reppert-Rauthen zwar theoretisch unter fremder Herrschaft befinden, jedoch gesellschaftlich über der kolonisierten[28] Bevölkerung stehen und immer noch als wahre Kolonialherren fungieren. Über dieses Muster in der NS-Jugendkolonialliteratur schreibt Norbert Hopster Folgendes: „Immer wird dabei dargestellt, daß deutsche Farmer und Pflanzer noch ihre Stellung in den ehemaligen Kolonien behaupten, daß sie nach wie vor ein dominierender Ordnungsfaktor in den Ländern sind“ (327).

Ein weiteres Muster des Kolonialdiskurses, welches sich in den untersuchten Erzählungen fortsetzt, ist der Binarismus. Während nämlich die Helden in den untersuchten Werken und in der herkömmlichen deutschen Jugendkolonialliteratur alle weißdeutsch sind und positiv konstruiert werden, sind deren KontrahentInnen Schwarz, nichtdeutsch und negativ konstruiert.[29] Bei letzteren zeigt sich diese negative Konstruktion dadurch, dass sie es ablehnen, sich dem Willen ihrer heranwachsenden KolonialherrInnen zu unterwerfen und sie diffamiert werden, sobald sie von ihrer eigenen Handlungsfähigkeit Gebrauch machen. Besonders dramatisch wird beispielsweise Pabila in Was tut sich in Afrika (1954) inszeniert. In der Tat wird er als Bösewicht konstruiert, der die Weißen SiedlerInnen für schuldig hält (63), der Gust angetrunken mit dem Auto fährt (58) und ihn anschließend mitten in der Wildnis zurücklässt (65). Das Problem mit der Darstellung Pabilas besteht darin, dass Viera auf wichtige Details verzichtet, die in Gust in der Klemme vorhanden sind. In letzterem Werk entwickelt sich Pabila zwar auch zum Kontrahenten, doch liegt dies nicht an seiner Verachtung Weißer Menschen, sondern an den Ausschreitungen des Kolonialismus und seinem Beitritt einer antikolonialen Räuberbande (Vgl. Josef Viera, Gust in der Klemme 47). Indem Viera in Was tut sich in Afrika auf solche Details verzichtet, erscheint Pabilas Darstellung radikaler und der Binarismus wird betont. Durch seine Konstruktion wird Pabila sowohl pathologisiert als auch kriminalisiert.

Ähnliche Prozesse kommen bei Ulrich zum Ausdruck. Die Absichten der KontrahentInnen werden nie eindeutig formuliert und es wird höchstens spekuliert, dass sie antagonistisch handeln, weil sie weißdeutsche SiedlerInnen verachten. Vor allem die Nama werden essentialisiert und dabei diffamiert. Sie gelten als „arbeitsscheu und hinterlistig“ (Ulrich, Flucht ins Ungewisse 14),[30] während weißdeutsche Figuren individualisiert werden, falls sie über charakterliche Schwächen verfügen. Dass die untersuchten Werke die Faulheit der kolonisierten Bevölkerung betonen,[31] erstellt einen Kontrast zum dargestellten Fleiß der weißdeutschen Figuren. Wird jedoch eine Schwarze Figur gepriesen, dann liegt es an ihrer Treue.  Mit anderen Worten: sie hat die Herr-Knecht-Beziehung verinnerlicht, wie z.B. Piet in Ulrichs Trilogie oder Pasta Klugohr bei Viera.[32] Allgemein kann festgestellt werden, dass die westdeutsche Jugendkolonialliteratur die deutsche Kolonialgeschichte rehabilitiert, was in starkem Kontrast zu derem ostdeutschen Pendant steht.

Kontinuitätsthese und Panafrikanismus in der DDR-Jugendkolonialliteratur

In der Tat ist eine kolonialkritische Haltung fester Bestandteil der DDR-Jugendkolonialliteratur. Dieses Phänomen lässt sich auf die oben erwähnte ostdeutsche Staatsideologie zurückführen. In keinem der untersuchten Werke relativiert oder verdrängt die Erzählinstanz den deutschen Kolonialismus. Vielmehr wird er eindeutig denunziert, wie es bei Hendrik Witbooi: Freiheitskampf in Südwestafrika (197) von Martin Selber der Fall ist. Hier betont der Autor das Unmenschliche am Kolonialismus. Im Nachwort liest man: „Den eigentlichen Besitzern aber, den Afrikanern, war in diesem Spiel die Rolle von Knechten und Sklaven zugedacht, billiges Arbeitsvieh, für alle Zeiten in dumpfer Unwissenheit und Unterwürfigkeit zu halten“ (125). Auch in Flucht vom Waterberg (1989) von Dietmar Beetz wird die Realität des deutschen Kolonialismus nicht verschwiegen. Es wird beispielsweise auf „ein Todeslager in Togo“ (221) verwiesen, was sich auf die Internierung der überlebenden[33] aufständischen Bevölkerung bezieht. Erwähnenswert ist auch Ferdinand Mays multiperspektivische Erzählung Sturm über Südwest-Afrika (1962), weil sie die Einzige ist, in der das volle Ausmaß der Gewalt der deutschen Kolonialherrschaft gegenüber der indigenen Bevölkerung thematisiert wird. Man erfährt, dass kolonisierte Frauen und Mädchen „mit Geschlechtskrankheiten infiziert“ wurden (300) und ferner liest man: „Alle Wut der Gepeitschten, Getretenen, der in Fesseln Gelegten, der Geschändeten, Vergewaltigten, der ihrer Menschenwürde beraubten Menschen spiegelt sich in diesem Gesicht“ (157).[34] Erwähnenswert ist diese Tatsache, weil die wiederholt unbestrafte sexuelle Gewalt der Kolonialherren El-Tayeb zufolge allmählich zur Entstehung des Aufstands der OvaHerero-Nation beigetragen hat (80).

Darüber hinaus wird der am 2.10.1904 gedruckte Vernichtungsbefehl des Generals Lothar von Trotha in jedem der untersuchten DDR-Jugendkolonialwerke zitiert: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder männliche Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh, erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“ (May 294). Diese Passage dient dazu, den genozidalen Charakter der deutschen Kolonialpolitik zu unterstreichen. Um diesen Aspekt zu betonen, wird Trotha in Flucht vom Waterberg beispielsweise als „der Henker“ (228) bezeichnet, was an den Spitznamen Reinhard Heydrichs[35] „Henker von Prag“ (Knietzsch 6) erinnert. Die Autoren zielen also darauf ab, einen ideologischen und historischen Zusammenhang zwischen dem deutschen Kolonialismus und dem Nationalsozialismus herzustellen. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass in einer Fußnote folgendes über Franz Ritter von Epp[36] mitgeteilt wird: „Dieser Oberleutnant Epp befehligte 1919 ein Freikorps und war als General Ritter von Epp Hitlers Statthalter in Bayern.“ (May 281). Dass der Autor diese Information in einer Fußnote vermittelt, obwohl sie nicht zur Handlung beiträgt, unterstricht seine kritischen Absichten.[37] Doch am deutlichsten kommt dieser Zusammenhang bei Dietmar Beetz zum Ausdruck. Im Klappentext seiner Erzählung Flucht vom Waterberg (1989) steht geschrieben: „[Beetz] erinnert daran, dass mit dem Völkermord an den Herero, 1904 in Deutsch-Südwestafrika […], jenes Kapitel deutscher Perfektion und Gründlichkeit begann, das Jahrzehnte später seinen schrecklichen Höhepunkt finden sollte.“ Hier werden die südwestafrikanischen Ereignisse eindeutig als Vorboten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gedeutet.[38]

Diese kolonialkritische Haltung der untersuchten DDR-Jugendkolonialromane wird von der Figurenkonstellation unterstützt. In der Tat stehen nunmehr hauptsächlich kolonisierte Menschen im Vordergrund, was auf die auktorialen Absichten zurückzuführen ist. Im Nachwort von Hendrik Witbooi (1974) liest man z.B.:

Männer wie Hendrik Witbooi, Morenga […] verdienen unsere Achtung und Mitgefühl. […] Die afrikanischen Menschen brauchen unsere solidarische Hilfe. Diese Erzählung soll ein Beitrag dazu sein und will helfen, uns mit unserer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. (126)

Die positive Inszenierung historischer Persönlichkeiten, die an Befreiungskämpfen gegen die deutsche Kolonialherrschaft teilgenommen haben, stilisiert diese als Vorbilder. Dies wertet sie auf und legitimiert ihre Bemühungen. Nicht mehr mit den Schutztrupplern bzw. den SiedlerInnen wird eine Identifikation angestrebt, sondern mit den GegnerInnen des deutschen Imperialismus. Diese Perspektivenänderung vereinfacht zudem die kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte, deren Verbrechen in der herkömmlichen deutschen Kolonialliteratur nicht als solche gedeutet werden.

Besonders Hendrik Witbooi wird als panafrikanischer Held inszeniert. Man liest zum Beispiel: „Hendrik begann davon zu träumen, die Stämme des Landes zu vereinen, um den Europäern machtvoll darlegen zu können, dass sie hier nur Gäste waren und sich auch als Gäste zu verhalten hatten“ (Selber 11).  Es ist kaum verwunderlich, dass das panafrikanische Motto „Afrika den Afrikanern!‘ (vgl. beispielsweise May 90) in jedem der ostdeutschen untersuchten Werke geschrieben steht.

Eine erwähnenswerte Hauptfigur in Sturm über Südwest-Afrika (1962) ist Upiganda, eine heranwachsende Schwarze Frau. In der herkömmlichen Jugendkolonialliteratur werden Schwarze Frauen und Mädchen, sofern sie erscheinen, abgewertet.[39] Upiganda spricht jedoch kein gebrochenes Deutsch, ist tapfer und nervenstark. Sie scheut sich zum Beispiel nicht, zwei Hyänen ganz alleine zu bekämpfen, weil sie ein Kind fressen wollen (May 178). Sie lässt sich zudem nicht zurückweisen, als ihr gleichaltriger Partner Omburo kurz vor Beginn des OvaHerero-Aufstandes nach Swakopmund gehen muss, um einen militärischen Auftrag zu erledigen, sondern besteht darauf ihn zu begleiten, weil auch sie imstande ist, nach dem Feind zu spähen (May, 220). Darüber hinaus wird sie als zielstrebig beschrieben (176), während ihr Volk von überzeugten KolonistInnen als „bedürfnislos“ wahrgenommen wird (120).

Trotz des in der DDR-Kolonialliteratur vorhandenen Binarismus können auch Weiße Figuren positiv konstruiert werden. Dies ist beispielsweise der Fall bei August Bebel. Er genoss in der DDR-Kinder- und Jugendliteratur Kultstatus (Emmrich 191), denunzierte zudem als sozialistischer Abgeordneter die deutsche Kolonialpolitik bereits in den ersten Jahren ihrer Entstehung (El-Tayeb 69) und wird in jedem der untersuchten DDR-Jugendkolonialwerke erwähnt. Selber schreibt z.B. über ihn: „August Bebel, einer der Führer der deutschen Arbeiterbewegung, trat den Forderungen der Kolonialisten mit Entschiedenheit entgegen“ (99), während man bei May aus dem Munde eines überzeugten Kolonisten erfährt, dass August Bebel die „Maßnahmen der Kolonialverwaltung“ im Kriege gegen die Herero kritisiert hat (244). Die Verweise auf Bebel lassen den Eindruck entstehen, dass sich der Sozialismus stets auf der richtigen Seite der Geschichte befunden hat, zumal Kolonialismus sowohl bei May (295) als auch bei Selber (28 bzw. 109) als einer der verlängerten Arme des Kapitalismus wahrgenommen wird.

Wichtige Gemeinsamkeiten und weitere Reflexionen

Auch wenn die westdeutsche Jugendkolonialliteratur die einst von dieser Gattung propagierte imperialistische Erziehung übernommen und die ostdeutsche Jugendkolonialliteratur sie abgelehnt hat, haben sie doch eine wichtige Gemeinsamkeit. In der Tat tendieren die Autoren beider Teile Deutschlands dazu, die Schwarzen Figuren zu biologisieren. Jörg Becker beschreibt dies folgendermaßen: „Sobald in der Romanhandlung eine schwarze Person auftritt, wird sie zuerst und ausführlich mit ihren äußeren ethnischen Merkmalen charakterisiert. […] weiße Zähne, Kräuselhaare[40], schwarze Haut […] ersetzen die individuelle Charakterisierung […].“ (J.Becker, 70). Das findet man bei May wieder, bei dem man liest: „Die umherstehenden [Schwarzen] lachen, ihre Zähne blitzen“ (May 305). Ebenso findet man das bei Viera (13), Ulrich (Unheimliche Stunden 56) und Reppert-Rauthen (45). Darüber hinaus wird in diesen vier Erzählungen das N-Wort verwendet, was kaum Sinn ergibt, da dieser Begriff zumindest in Bezug auf Südwestafrika kontextuell unpassend war (Brockmann 100). Außerdem hindert die binäre Logik diese Erzählungen daran, deutschafrikanische[41] Figuren zu inszenieren, obwohl deren Existenz zum Verbot von Ehen zwischen weißdeutschen Siedlern und Schwarzen Frauen in Deutsch-Südwestafrika geführt hat (El-Tayeb 92). Durch deren Abwesenheit wird die mit dem Deutschsein assoziierte Monovolkvorstellung bestärkt, die Schwarz- und Deutschsein als sich einander ausschließende Konstruktionen wahrnimmt. Insofern stellt man fest, dass die erwähnten Autoren trotz unterschiedlicher Ansichten zur deutschen Kolonialfrage von einem gemeinsamen Vorkriegskulturerbe Gebrauch machen. Dadurch wird zur Alterität der Schwarzen Figuren beigetragen. Zusammenfassend haben die westlichen und die östlichen Jugendkolonialbücher jedoch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten, was auf staatsideologische Gründe zurückzuführen ist.

Weil eine gerechte Wiedergabe der Gesamtheit dieser Gattung in den beiden deutschen Staaten den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, sind weitere Forschungen erforderlich. Es wäre zudem von Interesse, das Verhältnis zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kolonialismus in der Jugendliteratur näher zu untersuchen. Das Gleiche gilt für die Behandlung der längst in Vergessenheit geratenen „Schwarzen Schmach am Rhein.“ Weder können wir nämlich annehmen bei der Dekolonisierung der Germanistik[42] unser Bestes zu tun, wenn wir den Höhepunkt des deutschen Kolonialgedankens größtenteils übersehen, noch können wir behaupten, für Verbesserungen und Vielfalt des Lehrplans zu kämpfen, wenn wir nicht berücksichtigen, was zur Entstehung der gegenwärtigen Zustände[43] beigetragen hat.

Trotz der Tatsache, dass Kinder- und Jugendliteratur häufig als Trivialliteratur wahrgenommen wird, hat sie ein großes Potential für die Dekolonisierung der Germanistik. Dies liegt nicht allein daran, dass sie Kolonialdenkstrukturen normativ reproduzieren kann. Um diese Kolonialdenkstrukturen zu dekonstruieren, muss man daher das Untersuchungsmaterial erweitern, denn White Supremacy – wie man in diesem Beitrag beobachtet hat – kommt bisweilen auch in der Jugendliteratur zum Ausdruck.[44] Man muss hier betonen, dass Vorurteile gegen bestimmte Gruppen, bereits in der Jugendliteratur vorhanden sind und gesellschaftliche Folgen haben können. Man muss zudem bedenken, dass diese Vorurteile in vielen Fällen nicht verlernt werden, wen sie von der Gesellschaft bestätigt werden.[45] White Supremacy muss daher überall dekonstruiert werden, wo man ihr begegnet. Auf Jugendliteratur zu verzichten, wäre genauso gefährlich, wie auf die Perspektive der Betroffenen zu verzichten, wenn von Unterdrückung die Rede ist. Jugendliteratur behandelt zudem Themen, die gesellschaftlich längst in Vergessenheit geraten bzw. aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden sind und doch ideologisch nachwirken. Dies trifft nicht nur auf den Völkermord der OvaHerero und der Nama oder die „Schwarze Schmach am Rhein“ (Vgl. Grenzlandjugend (1933) von Minni Grosch) zu, sondern beispielsweise auch auf den deutschen Kolonialismus in Kiautschou, China (Vgl. Die Heldenkämpfe um Kiautschou (1936) von Herbert Steinmann). Jugendliteratur ermöglicht also die Auseinandersetzung sowohl mit den Folgen bestehender gesellschaftlicher Diskriminierung als auch mit deren Ursprung, denn sich nur mit den Folgen zu befassen ist nicht genug.

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Acknowledgements

Diana Bonnelamé und Bimvemvam gewidmet; besonderer Dank gilt Priscilla Layne, Sarah Haddou und Bethan Daultrey.


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[1] Der per Video dokumentierte Tod eines schwarzamerikanischen Mannes namens George Floyd im Mai 2020 in Minneapolis, Minnesota, USA war ein erneuter Fall von fataler Polizeigewalt (Vgl. Sandra Bland, Breonna Taylor, Philando Castile…) und galt als Hauptauslöser für die erwähnten Proteste. Dass auch international demonstriert wurde, lag unter anderem daran, dass ähnliche Fälle seit Jahren in verschiedenen Ländern stattgefunden haben (Vgl. Adama Traoré, Mareame Sarr, Oury Jalloh, Marcus Omofuma…).

[2] Es handelt sich um die deutschafrikanische Kolonialarmee: „In den Schutzgebieten Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Deutsch-Südwestafrika bestehen Ksl. Schutztruppen; sie bilden einen vom Reichsheer und der Ksl. Marine unabhängigen Teil der Wehrmacht des Deutschen Reiches.“ (Schnee 321)

[3] Das Land heißt heutzutage Namibia.

[4] Zwar findet hier eine Katachrese statt, indem ich den Begriff Nation auf diese Bevölkerungen anwende. Allerdings entscheide ich mich für diesen Prozess, weil der Begriff >Stamm< negativ konnotiert ist und Primitivität suggeriert (Poenicke 32). Zudem ist der Begriff Nation empowernd (Ashcroft et al. 30).

[5] Im Jahre 1904 lebten noch 80000 Menschen der OvaHerero-Nation, während 1906 nur noch 16000 am Leben waren (Schaknies 15). Was die Nama betrifft, so haben sie die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren (15).

[6] Dies lag vermutlich auch daran, dass die meisten deutschen SiedlerInnen in Deutsch-Südwestafrika lebten (Mamozai 29), denn der Maji-Maji-Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika (1905–1907) endete mit mehr als 100000 Verlusten für die Nichtdeutschen (F. Becker 1).

[7] 1933 erreichte dieses Werk eine Auflage von 233000 und wurde im Dritten Reich zur Schulpflichtlektüre (Baer 60). Das Werk galt im Deutschen Kaiserreich bereits ab dem Jahr 1908 als Pflichtlektüre (Wassink 140). Es „wurde überdies dazu benutzt, amerikanischen College- und Universitätsstudenten die Grundzüge der deutschen Sprache zu vermitteln“ (Warmbold 96).

[8] Vgl. dem 3. Punkt des im Jahre 1920 verfassten NDSAP-Parteiprogrammes: „Wir fordern Land u. Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes u. Ansiedlung unseres Bevölkerungs-Ueberschusses“ (Drexler, o.S.).

[9] Das Thema war in den Lehrplänen der Weimarer Republik nicht vorhanden, aber „die nationalsozialistischen Lehrerbünde hingegen sorgten dafür, daß der koloniale Gedanke in der Schule erneut Eingang fand“  (Christadler, 41).

[10] Dies bezeugt, dass die Volk-ohne-Raum-Einstellung (in Bezug auf die sich in Südwestafrika abspielende Kolonialerzählung Volk ohne Raum von Hans Grimm (1926)) gesellschaftlich z.T. noch angenommen wurde.

[11] Vgl. Helmut Bleys Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914 (1968).

[12] Südwestafrika wurde nach dem 1. Weltkrieg südafrikanisches Mandat.

[13] „Die triviale Massenliteratur der imperialistischen Gesellschaft wurde von Anfang an aus Schulen, Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt.“ (Emmrich 165). Vgl. die NS-Methoden: „So wirkten für die Durchsetzung der faschistischen Literaturpolitik zahlreiche spezielle Institutionen, und es wurden jene Werke aus den Kinder- und Jugendbibliotheken entfernt, die dem antihumanistischen Programm des Faschismus widersprachen“ (118).

[14] Auch deshalb wurden Ehen zwischen weißdeutschen Männern und kolonisierten Frauen in Deutsch-Südwestafrika verboten (El-Tayeb 92). Infolge der sogenannten „Schwarzen Schmach am Rhein“ wurde in Erwägung gezogen, die Kinder mit weißdeutscher Mutter und Schwarzem Vater zwangssterilisieren zu lassen, was bereits vor der Machtergreifung begann (Bock 412) und vom NS-Regime vollendet wurde (El-Tayeb 188).

[15] Die DDR-VertragsarbeiterInnen sind das Pendant zu den sogenannten BRD-GastarbeiterInnen.

[16] Hier sind die Muster kolonialistischer Jugendkolonialwerke gemeint, die vor dem Ende des Dritten Reiches veröffentlicht wurden.

[17] Es handelt sich um den ersten Teil der Trilogie von Hans W. Ulrich, deren Handlung während des Nama-Aufstandes spielt.

[18] Ich schreibe bewusst weißdeutsch, weil ich damit implizieren will, dass nicht allen deutschen Personen das Weißsein zugewiesen wird.

[19] Dieses Phänomen kam sowohl in der Missionsliteratur als auch in der Mädchenkolonialliteratur zum Ausdruck. Vgl. Clara Brockmanns Briefe eines deutschen Mädchens aus Südwest (1912).

[20] Gust ist der 14-jährige Protagonist.

[21] In diesem Beitrag schreibe ich bewusst „Schwarz“ und „Weiß“ groß, sofern von Rassenkonstruktionen die Rede ist. Ich stütze mich dabei auf Eske Wollrads Argumentation in Weißsein im Widerspruch (2005):

Meines Erachtens ist es jedoch alles andere als angemessen, eine Kursivsetzung von »Weiß« vorzunehmen, die diesen hegemonialen Begriff in visueller HinSicht [sic] auf besondere Weise gegenüber »Schwarz« exponiert und den Konstruktcharakter des Begriffs weniger hervorhebt als die Großschreibung. (20)

[22] Vgl. Brockmann (1912)

[23] Diese Tendenz lässt sich im Großteil der BRD-Jugendliteratur, die Afrika behandelt, feststellen (Benzing 73).

[24] Sein Vater kam während des Zweiten Weltkrieges kam in Russland um (11).

[25] Damit ist hier der Hamburger Tierpark Hagenbeck gemeint. Er wurde von Carl Hagenbeck begründet. Dass Carl Hagenbeck vom Kolonialismus profitiert und nichtweiße Menschen in menschlichen Zoos zur Schau gestellt hat (Seck 16), wird allerdings verschwiegen.

[26] Hier sind „Khakihemd und Reithosen“ gemeint (Ulrich 9).

[27] Sie werden trotzdem negativer geschildert als ihre Weißen männlichen Pendants.

[28] Der Verlust der deutschafrikanischen Kolonien bedeutete keineswegs das Ende des Kolonialismus. Die kolonisierten Bevölkerungen blieben sowohl de jure als auch de facto kolonisiert.

[29] Dies trifft allerdings vor allem auf die weiter oben erwähnten Werke zu, die vor dem Verlust der deutschafrikanischen Kolonien veröffentlicht wurden.

[30] Diese Vorurteile treffen auch auf kolonisierte Menschen in Die Farm in den Bobosbergen zu. Es wird an keiner Stelle von den Autoren angenommen, dass diese Charakterschwächen als subtiler Widerstand gegen die KolonialherrInnen gelesen werden können.

[31] Dies ist jedoch nichts Neues. Vgl, z.B. Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906): (Frenssen 200) und Die Vollrads in Südwest (1916): (Koch 29).

[32] An dieser Stelle ist es jedoch wichtig zu betonen, dass die Buren in der Erzählung Reppert-Rauthen negativ inszeniert werden. Sie sind offen rassistische und brutale Kolonisatoren. Dies dient allerdings dazu, die Deutschen als die besseren KolonisatorInnen darzustellen. Diese Strategie wurde bereits in der früheren Kolonialliteratur angewendet, weil die Buren aufgrund ihrer Rivalität mit den Deutschen in Südwestafrika als minderwertige weiße Personen inszeniert wurden (Baer 51).

[33] Damit sind die Menschen gemeint, die die deutsche Kolonialherrschaft noch nicht vernichtet hatte.

[34] Hier ist das Gesicht Kasipus gemeint. Es handelt sich um einen Nama-Diener des weißdeutschen Farmers Achim von Flotow, der in dieser Szene von dessen Dienern, die Nama bzw. OvaHerero oder Ovambo sind, aufgrund seiner bisherigen Brutalität überfallen wird.
    Die Erzählung Mays ist die Einzige, die das Tabuthema der sexuellen Gewalt während des deutschen Kolonialismus erwähnt.

[35] Bei der Wannseekonferenz am 20.01.1942 war Reinahrd Heydrich an der Planung des Holocausts beteiligt (Müller 4).

[36] In der Erzählung wird er „wegen seiner beispielhaften Haltung vor dem Feind außer der Rangordnung zum Hauptmann befördert“ (May 281).

[37] Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Franz Ritter von Epp der NSDAP sein Kolonialwissen zur Verfügung gestellt hat. (Vgl. Madley 434).

[38] Auch Aimé Césaire erkennt einen direkten Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Faschismus, und meint zudem, dass die Ausschreitungen des ersten gesellschaftlich toleriert, während diejenigen des zweiten denunziert worden sind (36).

[39] In Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906) werden Schwarze Frauen beispielsweise als „Weib“ (43; 178; 179) bzw. „Weiber“ (46; 111; 113; 161…), während dieser Begriff nie Weißen Frauen gilt. Sie werden stattdessen als „Frau“ bzw. „Frauen“ bezeichnet. Schwarze Frauen gelten zudem als „welk“ und „häßlich“ (46), während eine (weiß)deutsche Farmersfrau mit der Mutter Jesu verglichen wird (111).

[40] Besonders bei Reppert-Rauthen ist Texturism festzustellen. Während glatte Haare von ihm nie thematisiert werden, weshalb sie als Norm durchgesetzt werden, erwähnt der Autor abwertend einen „wollhaarigen Kopf“ (10) und einen „wolligen Kopf“ (84). Diese Beschreibungen gelten nur Schwarzen Figuren.

[41] Hier sind die Kinder gemeint, deren Elternteile sowohl aus der kolonisierten Bevölkerung als auch aus der deutschen Siedlerbevölkerung stammen.

[42] Seit mehreren Jahren sind verschiedene Gruppen und Projekte vorhanden (Vgl. beispielsweise Diversity, Decolonization & the German Curriculum; Decolonial Discourses & German Studies).

[43] Damit sind die Zustände gemeint, die die in der vorherigen Fußnote erwähnten Projekte erforderlich gemacht haben.

[44] Dies trifft auch auf die Missionsliteratur, Schulbücher und andere Medien zu.

[45] Sie werden bestätigt, sofern man den strukturellen Charakter der verschiedenen Diskriminierungen ignoriert. Die gute Stellung mancher Gruppen wird mit deren Fleiß begründet, was man bereits in diesem Beitrag beobachtet hat, während Faulheit als Grund genannt wird, wieso andere Gruppen nicht vorankommen. Dabei wird nicht untersucht, ob Letztere bereits im Schulalter aussortiert werden.

 

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